Breschdleng (auch Breschdling, Bräschtling, Brestling), der; Erbel, die; Ananas, die
Substantiv, regional variierend (schwäbisch, badisch, mittendrin) – Erdbeere (Fragaria)
Kaum wird’s warm im Ländle, sind sie plötzlich überall: auf dem Feld, im Körbchen, im Kuchen – und vor allem auf der Zunge. Die Erdbeere hat Saison. Wobei: So einfach ist das mit der Erdbeere in Baden-Württemberg gar nicht.
Denn wer hier auf dem lokalen Wochenmarkt nach ihr fragt, bekommt unter Umständen erstmal eine kleine Sprachlektion, je nachdem, wo er einkauft. Im nordwestlichen Landesteil, in Nordbaden und der Kurpfalz, kennen zumindest Alteingesessene sie nämlich noch als Erbel. Klingt irgendwie viel robuster, als die süßen Vitaminbomben anmuten.
Nur ein paar Kilometer weiter südlich, im schwäbischen Landesteil, liegen dann plötzlich Breschdleng auf dem Teller. Klingt zugegeben auch eher rustikal – herzhaft schwäbisch einfach. Wer sich das Wort (oder die Frucht) einmal auf der Zunge zergehen lassen hat, merkt schnell: Das ist kein Lebensmittel, das ist ein Lebensgefühl.
Wo der Name herstammt, dafür gibt es mehrere Theorien: Der 2026 verstorbene Ehinger Wortkundler Hermann Wax hat in seiner umfassenden „Etymologie des Schwäbischen“ die zumindest plausibel klingende These festgehalten, dass ,in vorreformatorischer Kritik an der Kirche und deren hohen Amtsträgern der feiste, runde, wohlgenährte Brästling in seiner kirchenfarbigen Wohlgenährtheit einem Probst, einem Pröbstling gleiche'. Zieht man mit Hermann Fischer eine weitere schwäbische Sprachkoryphäe hinzu, hat diese Theorie aber Lücken, da sich der Begriff schon vor der Zeit, als die Erdbeere in Deutschland Einzug gehalten hat (nämlich im 18. Jahrhundert aus Kanada und Chile) hier und da findet. Das mittelhochdeutsche brasten oder bresten könnte ein weiterer Ansatz sein - es bezeichnet das Knacken oder Brechen, eben den Sound des Sommers, wenn man herzhaft in eine Erdbeere beisst.
Eine andere Theorie vermutet, dass sich der Begriff klanglich vom französischen "fraise" ableitet, vermischt mit dem schwäbischen Hang zum Diminutiv. Vielleicht spielt auch die französische Stadt Brest eine Rolle, in deren Umgebung die Erdbeere erstmals in Europa großflächig angebaut wurde. Eher schmutzigen Phantasien entspringt wohl die fragliche Assoziation mit der weiblichen Brust …
Egal woher der Name stammt, richtig rund wird die Sache erst im Glas. Eingekocht und eingemacht wird aus Breschdlenga im Hand- bzw. Pürierstabumdrehen Breschdlengsgsälz – also Erdbeermarmelade. Eigentlich ja Konfitüre, denn da wiederum ist der hochdeutsche Amtsschimmel streng: Laut Konfitürenverordnung entsprechen die meisten Erdbeermarmeladen aus Hausküchen nicht den Vorgaben -schmecken tun sie trotzdem, am Besten direkt aus dem Breschdlengsgsälzhäffele. Es lebe das Kofferwort! Ein kleines sprachliches Kunstwerk, das so viel Gemütlichkeit transportiert, dass man beim Aussprechen fast automatisch nach einem frischen Brötchen – pardon Weck – greift und so ein leckeres Breschtlingsgsälzweck verspeisen kann. Im Norden ist Gsälz (oder Xsälz) wiederum völlig unbekannt, hier wird man eher ein Musebrot vespern.
Und dann gibt es da noch diese eine Ecke im mittleren Süden des Landes, wo man sich denkt: Jetzt wird’s komplett wild. Denn dort heißen Erdbeeren schlicht Ananas. Warum? Gute Frage. Vielleicht wegen der Form, die im Kleinen tatsächlich der Südfrucht gleicht: Bauchiger Körper, kleine „Frisur“ obenauf? Vielleicht, weil sie früher als exotisch galten? Vielleicht, weil man im Ländle schon immer wusste: Ein bisschen Überraschung schadet nie (um auch dieses kleine Rätsel aufzulösen: Der lateinische Gattungsname der Gartenerdbeere lautet schlicht fragaria ananassa). Zieht man nun noch die Wer-wird-Millionär-Besserwisserkarte, wird alles ohnehin ganz konfus: Denn biologisch gesehen ist die Erdbeere gar kein Obst, sondern eine Nuss. Also wäre vielleicht gar Kokosnuss auch eine Option?
Am Ende aber ist es ganz egal, ob Erbel, Breschdleng oder Ananas: Gemeint ist immer dasselbe – der Geschmack von Frühsommer, rote Finger nach dem Pflücken und von Sonntagen mit frischem Brot und einem gut gefüllten Mushaffe oder Gsälzhäffele. Oder kurz gesagt:
Naus auf’s Feld, hauptsach‘s isch
ebbes Süßes uff’m Tisch!


