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19. Oktober 1923 - Die "Bilbao" lichtet in Hamburg die Anker

Beim Thema Deutsche Auswanderung im 19. und 20. Jahrhundert denkt ein jeder zunächst an die Emigration von Millionen Menschen nach Nordamerika, speziell...
Dampfschiff "Bilbao"Foto: Internationales Maritimes Museum Hamburg

Beim Thema Deutsche Auswanderung im 19. und 20. Jahrhundert denkt ein jeder zunächst an die Emigration von Millionen Menschen nach Nordamerika, speziell in die Vereinigten Staaten. Doch auch andere Gebiete auf dem Doppelkontinent jenseits des Atlantiks wurden Ziele deutscher Auswanderer. Ein Beispiel ist Brasilien, wo die Einwanderung von Menschen aus Deutschland ihren Höhepunkt gerade in den besagten beiden Jahrhunderten fand, genauer zwischen 1872 (nach der Gründung des zweiten deutschen Kaiserreiches) und 1939 (mit Beginn des Zweiten Weltkriegs). Das Jahrzehnt von 1920 bis 1929 fällt dabei besonders auf: Laut offizieller Unterlagen wanderten in jener Dekade insgesamt 75801 Deutsche in das südamerikanische Land ein, im Jahresdurchschnitt waren das 8422 Personen. Seit 1924 gilt der 25. Juli 1824 als „Tag der deutschen Einwanderung“, er markiert die Ankunft der ersten deutschen Siedler in Sao Leopoldo (Rio Grande do Sul), angeworben vom damaligen brasilianischen Kaiser, und den Beginn der deutschen Masseneinwanderung. Heutzutage haben deshalb viele Brasilianer deutsche Vorfahren.

Im Jahr 1936 veröffentlichte der damalige Baltmannsweiler Hauptlehrer Albert Eberle seine im herrschenden Zeitgeist verfasste Ortsgeschichte, in der er sich auf knapp zehn Seiten der Auswanderung aus der Schurwaldgemeinde widmete. Unter der Überschrift „Zweite Auswanderungswelle“ richtete er den Blick auch auf Gemeindemitglieder, die den Weg ins ihnen fremde Brasilien wagten. Der Verfasser dieses Beitrags versucht, die knappen Angaben Eberles zu einigen Personen ein wenig zu erweitern.

Der am 23. April 1900 in Baltmannsweiler geborene Albert Zoller war der Sohn des Weingärtners Wilhelm Zoller und dessen Ehefrau Rosine Barbara (Mädchenname Esenwein). Sie hatten am 29. November 1888 in der Schurwaldgemeinde „bürgerlich“ und kirchlich geheiratet. Als die Gattin ihren Sohn Albert als achtes Kind geboren hatte, waren fünf seiner älteren Geschwister bereits im Säuglings- bzw. Kleinkindalter gestorben. Weitere Schicksalsschläge sollten in den kommenden Jahren für die leidgeprüfte Familie folgen: Im Jahr 1903 verloren die Eltern zwei Töchter mit demselben Vornamen – Rosine. Am 18. Februar verstarb nämlich das 6-jährige Mädchen in Plochingen und am 9. Oktober die ein knappes halbes Jahr alte Schwester, die sicherlich den Vornamen zum Gedenken an ihre verstorbene Schwester erhalten hatte. Zudem starb 1910 der Knabe Emil, das jüngste Kind, er war nicht einmal zwei Jahre alt geworden. Doch nicht genug der unvorstellbaren Trauer: Im Ersten Weltkrieg kam die Todesmeldung, dass der älteste Sohn, der 26-jährige ledige Güterbodenarbeiter Ernst Wilhelm, Reservist in der 9. Kompanie des Württembergischen Füsilier-Regiments Nr. 122, am 12. Oktober 1915 auf dem Hauptverbandplatz im serbischen Kostolac seiner schweren Verwundung erlegen war.

Somit war den hart getroffenen Eltern von zehn Kindern nur noch der Sohn Albert geblieben. Als „Taglöhner“ beschäftigt, heiratete er am 12. November 1921 die ein wenig jüngere und aus dem Dorf stammende Christiane Pauline Scharpf, Tochter eines Bauern, die Trauung nahm der damalige Pfarrer Ferdinand Eberhard Lempp vor. Das Paar bekam in der Folge in Baltmannsweiler zwei Kinder, Erich Albert (zur Welt gekommen am 15. April 1922) und Irene Elsa (geboren am 8. April 1923).

Die gesamte Familie, auch die Kleinkinder Albert und Elsa, ging am 19. Oktober 1923 in Hamburg an Bord des Dampfschiffes „Bilbao“ unter dem Kommando des Kapitäns Genenz. Das Schiff, das unter deutscher Flagge für die Hamburg-Südamerikanische-Dampfschifffahrts-Gesellschaft fuhr, war 1905 unter dem Namen „Santa Rita“ in Dienst gestellt, 1922 in „Bilbao“ umbenannt worden und bot Platz für 850 Zwischendeckspassagiere. In der Passagierliste wird Zollers Beruf in der Heimat mit „Landwirt“ angegeben. Die vierköpfige Familie wurde in der 3. Klasse untergebracht, das Ziel war Sao Francisco in Brasilien.

Es wäre interessant zu wissen, welche Beweggründe die Familie dazu veranlasste, der Heimat den Rücken zu kehren, zumal Zoller das einzige noch lebende Kind seiner Eltern war. Der Entschluss, nach Brasilien zu emigrieren, hing wahrscheinlich mit der damaligen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Nachkriegssituation im Deutschen Reich zusammen. Das Jahr 1923 gilt ja als das Krisenjahr der jungen Republik, die u. a. von Umsturzversuchen seitens des linken und rechten Extremismus, separatistischen Bestrebungen im Rheinland und einer Hyperinflation bedroht war und am Abgrund zu stehen schien.

Mit an Bord der „Bilbao“ waren aus Baltmannsweiler noch drei weitere junge Männer: Da war der 20-jährige Bauernsohn Albert Gottlob Haidle, zur Welt gekommen am 20. Mai 1903, der Vater war der Landwirt Karl Heinrich Haidle, die Mutter hieß Pauline (geborene Krauter) und kam aus dem nahen Reichenbach. Dann gab es den 19-jährigen Karl Traub, Sohn des Bauern Georg Traub. Der Vater war 1917 beim Holzfällen tödlich verunglückt. Eine neue Existenz in Südamerika wollte sich auch der gleichaltrige Karl Christian Ziegler, Sohn des 1918 in Tübingen verstorbenen Hausmeisters Christian Ziegler, aufbauen. Zieglers Bericht über die Schiffsfahrt und die Anfangszeit in Brasilien findet sich in der 1999 erschienenen Ortsgeschichte von Baltmannsweiler. Man erfährt darin über die Schiffsroute (portugiesische Küste, Kanarische und Kapverdische Inseln) und ein furchtbares Sturmwetter im Golf von Biskaya, das für die meisten Passagiere Seekrankheit bedeutete, sowie die Ankunft der „Bilbao“ am 12. November im Hafen von Rio de Janeiro. Es folgten für die Neuankömmlinge eine Autofahrt ins Landesinnere und eine erfolgreiche Arbeitssuche bei ansässigen deutschstämmigen Handwerkern. Zoller kaufte eine Kolonie (hier wohl als größeres Grundstück gemeint), das nötige Geld legten er und seine Freunde zusammen, dann begann die Urbarmachung von Land im Urwald. Da die Kolonien nebeneinander lagen, halfen sich die Siedler gegenseitig bei der Arbeit und beim Häuserbau.

Wie verlief das Leben der vier Auswanderer weiter? Albert Haidle, von Beruf Sattler, ging am 29. Juli 1925 in Hammonia in der neuen Heimat die Ehe mit der 19-jährigen in Brasilien geborenen Frida Hass ein, mit der er bis 1948 neun Kinder bekam. Ende der 30er Jahre kehrte er offensichtlich nach Baltmannsweiler zurück und trat mit seiner Ehefrau und den bis dahin sieben geborenen Kindern am 24. Februar 1939 aus der Evangelischen Landeskirche aus, diesen Schritt machten jedoch seine Gattin 1948 und er selbst 1954 rückgängig. Haidle starb am 15. Februar 1955 in seinem Geburtsort in der Wohnung Marktplatz 6. Karl Traub, zur Welt gekommen am 17. Oktober 1904, überlebte im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester die Folgen der Geburt. Über ihn konnte bislang nur in Erfahrung gebracht werden, dass er 59-jährig am 30. März 1964 in Baltmannsweiler verstarb, d. h., er muss irgendwann wieder in seinen Heimatort zurückgekehrt sein. Karl Ziegler, später Mechaniker von Beruf, heiratete am 12. März 1930 im brasilianischen Hammonia die 22-jährige in dem Land geborene Landwirtstochter Paula Christen, mit der er einen Sohn und eine Tochter hatte, die in Neuberlin zur Welt kamen. In der neuen Heimat trat er wie Albert Haidle aus der Kirche aus und kehrte Mitte Mai 1935 mit seiner Familie nach Baltmannsweiler zurück, wo jedoch seine beiden Kinder am 13. Dezember 1936 getauft wurden und ein weiterer Sohn zur Welt kam. Er eröffnete Anfang der 50er Jahre an der Schorndorfer Straße eine Autoreparaturwerkstatt samt Tankstelle und starb 1987 an seinem Wohnort.

Albert Zoller lebte sich in Brasilien sehr gut ein, und seine kleine Familie wuchs in den folgenden Jahren. Laut Eberle besuchte Zoller nach 12 Jahren zum ersten Mal die Mutter in Baltmannsweiler und wusste „viel von den Urwäldern Brasiliens, von seinem Existenzkampf und von dem drüben treu gepflegten Deutschtum zu erzählen“. Sein Aufenthalt in dem Schurwalddorf muss demnach im Jahr 1935 gewesen sein, denn in dem Jahr starb am 12. Juni sein Vater im Plochinger Krankenhaus. Der Auswanderer Albert Zoller kehrte später schwerkrank in sein Herkunftsland Deutschland zurück und verschied am frühen Abend des 11. Februar 1962 in der Wohnung in der Zinkstraße. Im Sterberegister findet man die Berufsangabe „Sägewerksbesitzer“. Im Baltmannsweiler Familienbuch stößt man auf den Eintrag „Kam mit der Frau und einer Tochter [offenbar Gerda] nach Deutschland, um Hilfe zu suchen für sein Leiden. In Brasilien hat er grosse Besitzungen.“ Nach der Lektüre dieser Kurzbiografien bleiben noch etliche Fragen unbeantwortet. (auh)

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