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1945: Kriegsende im Filderdorf Teil 1

1945: Kriegsende im Filderdorf Teil 1 Vor 25 Jahren wurde der Raum Esslingen von alliierten Truppen besetzt Bericht von Dr. Wilhelm Kohlhaas in der...

1945: Kriegsende im Filderdorf Teil 1

Vor 25 Jahren wurde der Raum Esslingen von alliierten Truppen besetzt

Bericht von Dr. Wilhelm Kohlhaas in der Esslinger Zeitung vom 20.04.1970

Im September 1944 befand ich mich nach dem Rückzug aus Frankreich verwundet in Esslingen unter den kundigen Händen von Dr. Wagner, wie zweieinhalb Jahrzehnte vorher, und wieder am Ende eines verlorenen Kriegs. Meiner Familie war eine Notwohnung im Neuhauser Pfarrhaus zugewiesen worden, und in den folgenden Genesungswochen blieb in den Aussprachen vertrauensvoller Freundschaft mit Pfarrer Max Weiger die Frage nicht aus, was beim Näherkommen der Sieger gegen einen verzweifelten Verteidigungsversuch und dessen Folgen zu tun sei.

Zwei Fahrten nach Berlin in den letzten Kriegswochen, unter allerlei Abenteuern mit der feindlichen Beherrschung des Luftraumes, hatten das Bild völliger Führungslosigkeit bestätigt. Aber mit der Verhaftung und Hinrichtung meiner alten Vorgesetzten Admiral Canaris und Heinrich von Stülpnagel war nach dem 20. Juli jeglicher Zusammenhalt ihrer zuverlässigen Untergebenen zerschlagen; auch ein Versuch, den kommandierenden General in Stuttgart für eine Gegenaktion zu gewinnen, bot keine Aussicht, obwohl er noch 8 Tage vor dem Schluß von Hitler als unzuverlässig zu Tode bestimmt wurde. Man konnte nur als Einzelner auf seinem Platz das Beste zu tun versuchen. Schon das Wagnis, ein zur Sprengung der großen Scharnhäuser Straßenbrücke in den Ort verlegtes, in der „Traube“ einquartiertes Pionierkommando von der Sinnlosigkeit dieses Beginnens zu überzeugen, stieß auf den Fanatismus, mit dem manche Leute unter dem Einfluß der Propaganda jedes vernünftige Zeichen für Defaitismus hielten.

Der Nero-Befehl

Am Palmsonntag, 28. März 1945, abends wurde auf die Nachricht von einem amerikanischen Durchbruch bei Heilbronn der Befehl der Gau- und Kreisleitung verbreitet, die Bevölkerung habe sich nach Zerstörung aller Vorräte nach Südosten abzusetzen. Es war der sogenannte „Nero-Befehl“, der Ausdruck des reinen Caesarenwahnsinns. Dabei war ich an den Bahnhöfen Ortsvertriebenen begegnet, die in umgekehrter Richtung in Orte am Rhein eingewiesen waren, aber nur, weil die Gegner nichts riskierten und sich langsam vortasteten. Diese Behutsamkeit ist vielen zum Verhängnis geworden, die beim Einrücken der Alliierten ein Zeichen der Übergabe gehißt hatten und bei einem Gegenstoß der eigenen Truppen als „Feiglinge und Verräter“ ohne Gnade hingerichtet wurden.

Wer half mit?

Welche Verwirrung hatte der Satan gestiftet? Ein Leben lang hatte ich stets die Größe des Vaterlandes gewünscht – nun mußte man hoffen, daß sich die Niederlage schnell vollende. Aber wer half mit?

Unser guter Pfarrer Weiger durfte sich nicht exponieren; er war dem fanatischen Kreisleiter ohnehin ein Dorn im Auge: Schon weil er es gewagt hatte, die Leiche einer hier verstorbenen ukrainischen Hilfsarbeiterin christlich einzusegnen, war alsbald Denunziationen und Untersuchungen gefolgt! Auf Rat seines Freundes Eduard Hermle besprach ich mich mit dessen Schwiegervater Gebhardt Balluff als dem größten Arbeitgeber am Ort, und stimmte mit ihm überein, daß man, wo schon die leiseste verdächtige Andeutung den Kopf kosten konnte, jemanden ins Vertrauen ziehen, sondern nur im entscheidenden Augenblick je nach Lage eingreifen könne. Beruhigend war es, daß bei ihm und der Ziegelei Gugel die französischen Kriegsgefangenen und russischen „Hiwis“ stets anständig behandelt worden waren und von ihnen beim Einmarsch der Sieger keine Ausschreitungen zu befürchten waren.

Am 18. April 1945 abends kamen flüchtend vom Süden her versprengte deutsche Einheiten in den Ort, da die Franzosen über Tübingen umfassend durchgebrochen seien. Der bei G. Balluff einquartierte Einheitsführer zeigte diesem einen Befehl, wonach sein Regiment Neuhausen zu verteidigen habe. Noch war es Zeit für einen letzten Versuch bei den Stuttgarter Befehlsstellen, ich wußte, daß im Hause meiner Freunde Dr. Kern, dessen ausgebombte Ohrenklinik ins Schwesternheim nach Neuhausen verlegt worden war. Gleichgesinnte – wie ich später erfuhr; Arnulf Klett und Wolfgang Haußmann – die Übergabe der Hauptstadt berieten.

Aber am 20. April war dort schon keine Befehlsstelle mehr zu finden, Kaserne und Generalkommando menschenleer, der Kampfkommandant Oberstleutnant Marbach hatte wenigstens den Entschluß, die Hauptstadt zu verteidigen, aufgegeben.


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