Eine Klangreise voll magischer Momente und ein Wechselbad der Gefühle mit Musik, die nicht nur ins Ohr, sondern auch unter die Haut geht. Da hatte Intendant Mark Mast nicht zu viel versprochen: Die Reihe der drei Einführungskonzerte zum diesjährigen Schwarzwaldmusikfestival fand am Sonntag, 10. Mai, mit der umjubelten „Dernière“ in der Bad Wildbader Trinkhalle ihren krönenden Abschluss.
Wie der Titel „8 Seasons in Beat“ schon andeutet, wurden in dem rund zweistündigen Programm die „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi mit den 240 Jahre jüngeren „Cuatro Estaciones Porteñas“ von Astor Piazzolla verwoben. Aber damit nicht genug. Mast spricht von einer „Weltneuheit“, einem Programm, von dem er lange geträumt habe und „das es in dieser Form noch nie gab“. In der Tat konnte man schon ähnliche Aufführungen hören, bei denen die vier Jahreszeiten von Vivaldi und Piazzolla im Wechsel erklangen, jedoch nicht mit Schlagwerk in Form eines Beatboxers. Sind doch beide Werke ursprünglich ohne Schlagwerk konzipiert.
Hinter dem im Programmheft angekündigten Mundakrobat Robeat verbirgt sich der Beatboxer Robert Wolf aus Esslingen. „Mit so einer Percussion-Imitation aus Stimme und Mikrofon, die wie eine fette Band klingt, kann man sich einen Schlagzeuger sparen. Robeat gestaltet symphonische Werke mit seiner Beatbox präzise, strukturiert, verlässlich und reagierend, ganz so wie es Orchestermusiker brauchen“, lässt Mast das Publikum wissen. Darüber hinaus trägt der Künstler das in der Solostimme jedem der vier Vivaldi-Concerti vorangestellte Sonett vor: Ein weiteres Novum, denn zum gesprochenen Text über Naturerscheinungen und menschliche Betätigungen kamen noch allerlei passende Geräusche, wie das Murmeln der Wasserquelle, Donnergrollen, das Brausen des Windes, das Knirschen des Eises, Jagd- und bäuerliche Tanzszenen oder Hundegebell und diverse Vogelstimmen dazu, die später an den entsprechenden Stellen in allen Einzelstimmen zitiert werden.
Passend zur Jahreszeit beginnt und endet der achtteilige Zyklus mit dem Frühling. Wenngleich man im Schwarzwald alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben könne, wie Mark Mast mit Blick auf die launischen Wetterkapriolen, insbesondere in den höheren Lagen, schmunzelnd anmerkt. Während der Konzerteinführung bringt er seine Freude zum Ausdruck, dass diese zwischenzeitlich von weit mehr als der Hälfte der Besucher in Anspruch genommen werde. Dazu holt er auch gleich die beiden Solisten auf die Bühne. Den erst 23-jährigen deutschen Geiger Tassilo Probst und den 37-jährigen amtierenden Europameister Robeat.
„Es ist für mich immer eine Freude, Vivaldi auf der Bühne zu spielen. Die Vier Jahreszeiten sind ein Klassiker, und dass sie heute neu vertont zu hören sind, ist eine super Idee von Mark“, meint Probst, der bereits als Vierjähriger mit dem Geigenspiel begann, Preisträger zahlreicher nationaler und internationaler Wettbewerbe ist und zu den vielversprechendsten Musikern seiner Generation zählt. Piazzolla spielte er im Eröffnungskonzert des Schwarzwaldmusikfestivals zum ersten Mal, und das an allen drei Aufführungsorten (Freudenstadt, Schiltach und Bad Wildbad). „Ein anderer Stil, ein anderer Klang, mit mehr Effektmusik, komplexen tänzerischen und rhythmisch verwobenen Elementen sowie technischen Raffinessen, wie das Kratzen bei der Imitation der südamerikanischen „Ratschgurke“ (spanisch „Güiro“)“, beschreibt Probst das Werk Piazzollas, das dieser seiner Heimatstadt Buenos Aires gewidmet hat. Während der Einführung zeigt er auf seiner Geige einige besondere Spieltechniken, darunter das „Glissando“ oder das „col legno“, bei dem die Saiten mit der Bogenstange geschlagen werden, wodurch ein spröder, perkussiver Klang entsteht. Piazzolla hatte die Jahreszeiten ursprünglich für sein eigenes Bandeon-Quintett und - im Gegensatz zu Vivaldi - zeitlich nicht zusammenhängend und voneinander unabhängig verfasst. Das Arrangement für Streichorchester und Solovioline (angeregt durch Gidon Kremer) stammt von dem russischen Komponisten Leonid Desyatnikov. Er bewahrt darin das Frappierende, Unerwartete und Individuelle, welche das Original auszeichneten.
Weil seine Eltern gegen die von ihm gewünschte Schlagzeugausbildung waren, ließ sich Robeat zusammen mit einem Freund beim Anhören einer Aufnahme von der Technik der Mundakrobatik inspirieren und machte sie zu seinem Beruf. Seit 22 Jahren ist er nun schon im Geschäft und tourt mit Bands, Orchestern und Solo-Nummern durch die Lande. „Vivaldi hat es sehr gut gemeint und bringt viel Abwechslung ins Spiel. Da kann ich mich mal dezent zurückhalten, mal in die Vollen gehen“, kommentiert Robeat seine Herangehensweise im Interview mit Mast. „Meine Performance beginnt im Kopf. Ich denke mir die Rhythmen, Sounds und Geräusche im Kopf aus und mache mir an den entscheidenden Stellen der Partitur entsprechende Notizen“, so der Kleinkunstpreisträger Baden-Württemberg nach dem Konzert gegenüber dem Wildbader Anzeiger.
„Kunst und Kultur müssen ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft behalten und ausbauen“, betont Mast eingangs mit Blick auf deren „Systemrelevanz“ jenseits von Pandemien, Sparmaßnahmen und politischen Verhandlungen. „Mit dem Festival tun wir unser Möglichstes, um etwas zum Glanz der Kurstadt Bad Wildbad beizutragen“, so der Intendant weiter. Glänzend sind in jeder Hinsicht die Leistungen der Beteiligten, allen voran ein leidenschaftlicher Tassilo Probst, der mit ausladenden Bewegungen und effektvollen Spieltechniken die narrative Dramaturgie der Partituren spürbar werden ließ, während Robeat sich auf seinen Mund samt Zunge, Zähne und Gaumen sowie die wechselnde Positionierung seines Mikrofons konzentriert und mit der anderen Hand die Vibrationen im Kopf widerspiegelt.
Auch wenn optisch ein verbindendes Element fehlte, wie etwa eine stimmungsvolle Ausleuchtung, zeigte sich das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter dem Dirigat von Mark Mast äußerst spielfreudig und einander zugewandt. Die Solopassagen ließen auch hier aufhorchen, darunter überwiegend der Ersten Geige, der Bratsche und des Cellos. Während bei Vivaldis Barock-Zyklus die Motive und Melodiebögen der Sologeige vom Tutti aufgenommen, variiert und gesteigert werden, klingt es bei Piazzolla im Dialog zwischen Solist und Orchester wesentlich polyphoner, mit sich überlagernden Stimmen, typisch auch für die Großstadtszenerie von Buenos Aires. Zu den ebenso vielschichtigen Rhythmen passen denn auch die Beats von Robeat sehr gut, während sie bei Vivaldi und der historischen Praxis des Cembalo-Klangs doch etwas gewöhnungsbedürftig sind. Vivaldis originär ästhetisches Experiment wird nicht mehr ausschließlich als solches wahrgenommen und bekommt insbesondere in den Ritornellen den Anstrich eines Pop-Crossover à la „Rondò Venziano“.
Mit langanhaltendem, tosendem Applaus für eine meisterhafte Symbiose aus Natur, Musik, Poesie und urbanen Rhythmen fordert das Publikum eine Zugabe ein. Es folgt eine virtuos-rasante Improvisation von Tassilo Probst zu „Mein Hut, der hat drei Ecken“, untermalt vom mandolinenartig gezupften Klang der Streicher, und einer kleinen „Free-Style-One-Man-Show“ von Robeat, mit der er seine Vielfältigkeit noch einmal eindrucksvoll unter Beweis stellt. Das Programm des Schwarzwaldmusikfestivals 2026 dauert noch bis zum Pfingstmontag, 25. Mai. Nähere Informationen zum Programm und den Aufführungsorten unter www.schwarzwald-musikfestival.de.(kf)