Es gibt Melodien, die so stetig wie das Wasser fließen und Botschaften weit über ihre Ufer hinaus tragen. Im Wonnemonat Mai wird die Region zwischen Enzklösterle und Mühlacker zum Schauplatz einer Bewegung, die weit mehr ist als ein musikalisches Ereignis: „Singen an der Enz“ ist ein lebendiges, hörbares Statement für das Leben, die Freiheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Pünktlich zum 77. Geburtstag des Grundgesetzes hat sich ein kraftvolles überregionales Bündnis formiert – der Verein Menschen Miteinander Oberes Enztal e. V. sowie die Netzwerke #zusammenhalten Pforzheim und Mühlacker –, um in einer Zeit des Umbruchs ein unüberhörbares Zeichen für die Demokratie zu setzen.
Der Auftakt in Enzklösterle bildete den emotionalen Startschuss dieser Reise. Dort, wo die Enz noch jung ist, sammelten sich die ersten Stimmen, um die Botschaft von Respekt und Vielfalt flussabwärts zu tragen. Gut ein Dutzend Sängerinnen und Sänger ließen sich, den zeitweilig dicken drohenden Wolken zum Trotz, nicht davon abhalten, die positiven Wirkungen des „heilsamen Singens“ mit dem gesungenen „Ja“ zu Frieden, Zusammenhalt, Demokratie, Umweltschutz und Achtsamkeit zu verbinden.
Der Standort des Sing-Events an der Enzbrücke vor dem ehemaligen Heidelbeerhaus in der Wildbader Straße war vielleicht nicht der günstigste, denn der Lärm der vorbeifahrenden Fahrzeuge war direkt an der Straße doch recht störend. Andererseits hatte dies auch Symbolkraft, denn auch in der Gesellschaft muss man mittlerweile seine Stimme für die Demokratie laut erheben, um die Störgeräusche von den politischen Rändern übertönen zu können.
Auch Bürgermeisterin Sabine Zenker schaute kurz vorbei, um den Organisatoren und Teilnehmern für ihr Engagement zu danken. „Es ist ganz toll, was Ihr macht“, lobte sie die Anwesenden, und freute sich, dass Enzklösterle bei „Singen an der Enz“ mit dabei ist.
Die musikalische Welle zog weiter und erreichte schließlich das nächste Etappenziel, wo die Kulisse kaum passender hätte sein können: Direkt am Pavillon hinter dem Katharinen-Brunnen vor dem Palais Thermal in Bad Wildbad zeigte sich eindrucksvoll, wie aus Fremden eine Gemeinschaft wurde. „Kommen Sie doch noch ein bisschen näher, wir bilden einen Kreis und rücken zusammen“, mit diesen warmen Worten lockte die Sängerin Birgit Kraft neugierige Passanten aus ihrer Reserve. Gemeinsam mit Katharina Hesselschwerdt verwandelte sie den Platz in einen Ort der Begegnung. Als zertifizierte Singleiterinnen des Zentrums für Psychiatrie Calw-Hirsau bringen sie die Methode der „heilsamen Lieder“ aus den Krankenhäusern direkt zu den Menschen an den Fluss.
Hier gibt es keine Barrieren: Wer nicht singen mag, summt oder brummt einfach mit. Das internationale Netzwerk der „Singenden Krankenhäuser“ liefert das Fundament für diese Aktion, bei der eingängige Melodien und kurze Texte wie der Kanon „Heaven is a wonderful place“ sofort ins Blut gehen. Ob eine kleine Dreijährige, die im wippenden Kleidchen den Brunnen zur Bühne machte, oder die stellvertretende Bürgermeisterin Ursula Jahn-Zöhrens – die Kraft der Musik zog jeden in ihren Bann.
Die Wahl der Schauplätze direkt an der Enz ist kein Zufall, sondern reine Symbolik. Wasser ist das Element, das verbindet, das fließt und Grenzen von Herkunft oder Glauben einfach umspült. So wie die Enz die verschiedenen Orte der Region verknüpft, so webt das Singen ein unsichtbares Band zwischen den Menschen. Während die Gruppe das Lied der „vier Elemente“ anstimmte, wurde spürbar, dass es hier um den Schutz unserer Lebensgrundlagen und das Schätzen von Werten wie Frieden und Umwelt geht.
Doch diese Harmonie hat eine ernste Basis. Hubertus Welt, der Vereinsvorsitzende von Menschen Miteinander, fand in seiner Ansprache klare Worte: Es geht darum, Rückgrat zu beweisen, andere Ansichten zu respektieren und das Gemeinwohl über den persönlichen Vorteil zu stellen. Er erinnerte daran, dass die Würde des Menschen unantastbar ist – ein Versprechen des Grundgesetzes, das jeden Tag neu mit Leben gefüllt werden muss. Dass dieses Engagement auch finanzielle Unterstützung braucht, verschwieg er nicht: Mit nur 54 Mitgliedern und einem kleinen Jahresbeitrag ist der Verein auf Spenden angewiesen, um solche Friedenszeichen überhaupt erst möglich zu machen.
Die emotionale Reise führte die Sängerinnen und Sänger an diesem Nachmittag von tiefgründigen Momenten des Innehaltens bei „Kann ich mal nichts tun?“ bis hin zu mitreißenden Klassikern wie Rod Stewarts „I’m sailing“. Birgit Kraft schlug dabei die geografische Brücke: „Irgendwann fließt unsere Enz auch in die Nordsee.“ Passend dazu schmetterte die Gruppe den Gassenhauer „An der Nordseeküste“ und trug die Wünsche für Frieden, Liebe und Freude symbolisch flussabwärts. Es war eine Einladung an alle, die Stimme zu erheben – für ein Miteinander, das so unaufhaltsam ist wie der Fluss selbst. (mm/cb)