
In diesem Jahr startete der Fastnachtsumzug aufgrund der Länge schon um 13.11 Uhr, die Aufstellung begann bereits ab 11 Uhr auf der Wiesenbacher Straße. So dauerte es eine ganze Weile, bis der Zug das Stadttor erreichte. Hier befand sich auch die erste „Versorgungsstation“ des THW mit Bratwurst, Bier, Sekt und Kaffee.
„Etwas weniger Wagen als der Rekord von 103 im letzten Jahr“, schätzte Zugführer und Einsatzleiter des THW René Heß. Tatsächlich waren es nur vier weniger, also 99 Teilnehmergruppen. Auch aufgrund dieser beachtlichen Länge lockt der Neckargemünder Zug viele Zuschauer aus nah und fern. Selbstverpflegung war dabei, aber auch Regenschirme, um die „Gutsel“ von den Prunkwägen und Fußtruppen zu fangen. Fischbrötchen gab es am Marktplatz und der Brezelwagen war so lange unterwegs, wie es die Security zuließ. Aufsicht am Stadttor hatte der bis zur Unkenntlichkeit verkleidete Steffen Wachert mit Kopftüchlein, bekannt als zweiter Bürgermeisterstellvertreter: „Dieses Jahr bin ich dabei, letztes Jahr war ich weg zur Erholung“, meint er.
Ein toller Anblick, die Straßen gesäumt von hunderten Narren, mit Freude am Straßenkarneval. Der Umzug so bunt wie das Publikum. Auf dem Gehweg warteten Pikatchu und Familie, Tiger und Haie auf die Odenwälder Faschingsfreunde und ließen sich ihre Naschereien von Stinktier, Hirsch und Co. überreichen. Ob Giraffenfamilie oder Kuhherde mit Bauer, ein tierisches Treiben. Papa Bär mit Prinzessin an der Hand, aber auch viel Meeresgetier hat sich auf die engen Gassen getraut. Auch der Kleingemünder Turnverein setzt auf Qualle und Oktopus. Einen Übergang schufen Glücksbärchies und Einhörner, Bienen summten, Superhelden jubelten und klatschen dem vorbeiziehenden Zug.
Die Kälte machte manch einem eine rote Nase. Soldaten, Wikinger, die Tequila-Flasche und lebendige Haribo-Tüten feuerten die Fanfarenzüge an. Sträfling Rüdiger (69) hatte „heute ausnahmsweise Freigang wegen gutem Benehmen“, sprachs und trank ein Bierchen. Nebenan Mike Hess im traditionellen „Huddelbätze“-Outfit, konkurrierte mit dem Kostüm einer kreativen Lady aus bunten Knöpfen und Twist-off-Deckeln um Farbigkeit.
Teuflin Tanja und Cowboy Stefan sind jedes Jahr in Neckargemünd dabei. Dabei kommt Stefan gebürtig aus Düsseldorf, einer Karnevalshochburg. Aber er hat „sein Herz in Heidelberg verloren“, wie er sagt. Beide genießen den Tag, denn auch in Baden-Württemberg kann man prima feiern. „Wir haben schon geschaut, wo die nächsten Umzüge in der Umgebung sind, vielleicht geht's am Sonntag nach Ziegelhausen“, plant Tanja. Eine Herzenstruppe mit einem verkleideten Riesen-Luftballonherz ist auch auf dem Marsch und verteilt entlang der Strecke jede Menge Liebe.
Neben den Prinzessinnen, die auf der Kante diverser Cabrios saßen und winkten, war der wohl spektakulärste Sitz auf der Schaukel der Fasnachts-Freunde Eberbach. Spektakulär von weit oben auf dem Hubwagen wurden erst die Fenster der Anwohner mit Bonbons bedacht, dann regnete es Konfetti, während darunter eine Kettenschaukel mit Dame den Weg entlang auf und niederschwebte. Ein herrlicher Spaß, begleitet von einem Cowboy auf einem Miniroller-Pferdchen. Süße Wurfgeschosse nach ganz oben schafften aber auch Hexen aus dem Fußvolk mit trainierten Armen. Beliebt und verletzungsarm: Popcorn-Tütchen. Dazu eine leckere Ahoi-Brause, dachte sich wohl Nicolas Lennartz-Bock, Vorsitzender der FWG Neckarsteinach und verkleidete sich als genau diese. „Sprudelndes Leben eben“, lachte er und verschwand in der Menge.
Das Sicherheitskonzept für den Zug wurde zusammen mit der Polizei umgesetzt. Feuerwehr, THW und Rettungsdienste standen in Vielzahl parat, ehrenamtliche Freiwillige für die närrische Sache. Zusätzlich war noch eine vom NKG bezahlte Security-Firma vor Ort. Wie gut, dass es gerade eine große Spende einer Bank gegeben hatte. Die Hälfte der Wegstrecke war mit Schutzzaun bestückt, die Eingangsbereiche mit massiven Gefährten abgeriegelt. Auch ein Verbot von Glasflaschen war ausgesprochen worden, Taschenkontrollen wurden an den Eingängen zur Zugstrecke und dem Narrendorf durchgeführt. Das alles half nichts gegen einen stark alkoholisierten 21-Jährigen, der nach einem Streit Polizisten angriff, die vermitteln wollten. Der junge Mann wehrte sich aggressiv gegen seine Verhaftung und verletzte dabei weitere Beamte, heißt es im Polizeibericht des Präsidiums Mannheim.
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Als „Bösewichte“ fungieren hier im Fasching eigentlich nur die zahlreichen Hexen-Truppen. Mit gruseligen Masken stopften sie unschuldigen Zuschauern Konfetti in die Jacke und trieben mit ihren Besen und Stöcken Schabernack. Die Ziegelhäuser boten eine Hexenfahrt in der Mülltonne und wirbelten willige Weiber den Berg hinunter. Die fiesen Burghexen warfen tonnenweise Konfetti, waren ausgesandt, um die Neckargemünder zu ärgern. Aber auch Leckeres wurde an die Närrinnen und Narren gebracht.
Informativ begleitet wurde der Fastnachtszug von Erika Höfer als Liselotte von der Pfalz, deren Adjutanten Wilhelm und Bürgermeister Jan-Peter Seidel. Er zog den Hut vor seinem Volk, den Narren. An einem Tag im Jahr, an dem eine Gruppe Mönche Hasen hinterherjagen und die „Ranzengarde“ ohne Bierbauch unterwegs ist. Die „Sparbies“ glitzern auch ohne Geld, die Flaschensammler am Rande der Veranstaltung hatten viel zu tun.
Der Elferrat, ganz in grüner Festkomitee-Ausrüstung, fuhr mit dem Anhänger, warf und winkte ohne Ende. Der Bauhof und andere Gewerke warteten mit Nebelmaschinen auf. Eine rollende Disko mit viel Beat war gar aus Waldbrunn gekommen. Zorro und seine Mitstreiter, die böse Wölfin, die Krokodilfamilie, alle freuten sich, dass es erst gegen 16 Uhr leicht nieselte. Der Abschluss fand im Narrendorf für die Abgehärteten statt, die anderen konnten unter dem Schutzschirm der Brücke ihren inneren Frieden mit einem heißen Burger machen und den Festtagszug Revue passieren lassen.