Liebe Leserin, lieber Leser,
ich möchte Ihnen heute Psalm 139 ans Herz legen. Dieser begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Immer wieder kann ich darauf zurückgreifen, wenn ich Zweifel an mir oder Gott habe, wenn ich in Situationen bin, die mir schwer fallen, wenn ich keine Worte finde. Besonders der letzte Abschnitt, der wie ein Gebet ist, begleitet mich auch im Alltag und wird immer wieder zu meinem persönlichen Gebet. Den Psalm gliedere ich in fünf Abschnitte mit dem Bibeltext und meine Gedanken dazu:
Gott sieht mich (Psalm 139,1-5)
Ein Psalm Davids, vorzusingen. HERR, du erforschest mich und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Gott, du erforschst mich und kennst mich. Ist das beängstigend oder wohltuend? Weil Gott mich geschaffen hat, weiß er alles über mich: Er kennt meine Gedanken, meine Gefühle, meine Stärken und Schwächen. David beschreibt es detailliert: ob ich sitze, aufstehe, gehe, liege – Gott weiß es. Bevor ich etwas sagen will, weiß Gott, was ich sagen will. Vers 5 fasst es zusammen: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Er umgibt mich voll und ganz, beschützt mich und segnet mich. Gott kennt mich genau. Viele Menschen kennen mich gut, manche nicht. Aber Gott weiß, wie es um mich wirklich steht, wie ich über Menschen und Situationen denke. Deshalb kann er, wenn ich ihn lasse, mich berichtigen oder bestärken. Bei Gott kann ich mich nicht verstellen. Ich kann ihm alles sagen, was mich bewegt, auch wenn er es schon längst weiß.
Fern von Gott?! (Psalm 139,7-12)
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
Weil Gott alles von mir weiß und sieht, was ich mache, stellt sich David die Frage, ob er überhaupt vor Gott fliehen könnte. Er stellt fest: Nein, das geht nicht, und zählt auf, wo Gott ihn trotzdem finden würde: wenn er in Richtung Himmel ginge, wenn er ans äußerste Ende des Meeres und Horizontes ginge, wenn Finsternis ihn umgeben würde. Besonders die Finsternis nimmt David in den Augenschein. „Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ In der Schöpfungsgeschichte können wir lesen, dass Gott Licht und Finsternis schuf. Somit entstand eine Begrenzung von Tag und Nacht. Wie wir bei der Geschichte von Mose lesen können, führte Gott das Volk Israel bei Tag mit einer Wolkensäule und bei Nacht mit einer Feuersäule. Gott kann also Licht und Finsternis beeinflussen. Im Neuen Testament in Johannes 1 wird das Bild von Finsternis und Licht in Bezug auf Jesus gebracht: „In ihm (Jesus) war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen“ (Johannes 1,4-5). Jesus kam als Licht in die Welt, um den Menschen wahres Leben zu geben. Er sollte leuchten in den Menschen, bei denen es finster war, d.h. sie erkannten nicht, dass Jesus das Licht und ihr Retter war. Sie lebten zwar ein Leben mit Gott, aber ohne die Erkenntnis, dass Jesus führe ihre Sünden sterben sollte und sie somit wieder Zugang zu Gott haben. Jesus sagt selbst von sich in Johannes 12,46: „Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.“
Finsternis kennen wir gut in der Welt. Man muss nur die Nachrichten verfolgen, die Zeitung lesen oder sich mit Themen wie Hungersnot, Armut, Kinderarbeit, Christenverfolgung und Sonstigem beschäftigen. Wir kennen aber auch Finsternis in unserem eigenen Leben: Trauer, Verlust, Krankheit, Feindschaften, Streit in Familie oder Freundschaften, Angst, Sorgen usw. Die Finsternis, in der ich lebte, war die, mich selbst nicht lieben zu können und an mir Zweifel zu haben. Durch eine Erfahrung der Ablehnung in der Schule, das ein ganzes Schuljahr andauerte, konnte ich keinen Menschen mehr vertrauen und hatte teilweise Angst vor Menschen. Nachdem ich die Erfahrung in der Schule machte, beschäftigte ich mich mit Psalm 139. Ich las ihn durch und fing an, diesen über mich auszusprechen. Ich lernte, Gottes Wort als Waffe zu nutzen, indem ich mir Bibelverse nahm, die mich ermutigten, und sie über mich aussprach. Umso mehr ich dies tat, desto mehr verschwanden die Lügen, denen ich geglaubt habe. Die Finsternis verschwand immer mehr. Weil sie das in mir über die Jahre gefestigt hat, kann ich heute darauf zurückgreifen, wenn ich wieder in so einer Situation gefangen bin. Ich kann mir Gottes Wort zur Hand nehmen, es über mich aussprechen, und die Lüge verschwindet. Psalm 119, 105 beschreibt es wie folgt:„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege."
Wunderbar geschaffen (Psalm 139,13-16)
Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht wurde, da ich gebildet wurde unten in der Erde.
Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Besonders diese Verse sprach ich über mich aus. Ich bin wunderbar und einzigartig geschaffen. Gott formte mich im Leib meiner Mutter. Er sah mich schon, bevor ich geboren wurde. Das ergreift mich jedes Mal: Ich bin gewollt von Gott! Und das ist es, was zählt. Nicht das, was andere über mich sagen oder denken. Wenn ich weiß, wer ich in Gott bin, dann macht es mir nichts mehr aus, was andere über mich sagen. Das ist ein Prozess. Ich kann dadurch ganz anders vor Menschen treten. Nicht, dass ich überheblich bin, sondern dass ich meine Selbstzweifel und Ängste ablege. Gott lehrte mich, auf Menschen zuzugehen. Ich war oft schüchtern und traute mich nicht. Durch Gott kann ich nun sogar vor Menschen sprechen, wie hier. Ich kann sein Wort durch Predigten, Lehreinheiten und in Gesprächen weitergeben.
Die Bösen (Psalm 139,19-22)
Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!
Denn voller Tücke reden sie von dir, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.
Jetzt kommt ein Abschnitt, den man in dem Psalm nicht erwarten würde. Auf der ersten Blick, scheint er gar nicht zu passen. Vorhin ging es darum, wie Gott mich sieht und dass er mich geschaffen hat, und jetzt plötzlich geht es um böse Menschen, Blutgierige und Frevler, die Gott nicht gefallen. David stellt sich die Frage, ob er sich mit solchen überhaupt abgeben soll. Unser Leben ist nicht immer so schön und rosig mit Gott. Es gibt auch Situationen oder sogar Menschen, die uns nicht guttun, die uns von Gott wegführen, die unser Leben negativ beeinflussen. Ich selbst habe einer Freundin die Freundschaft gekündigt, weil sie ständig Lügen über mich verbreitet hat und musste von anderen Leuten loslassen, bei denen ich merkte, dass sie mich nicht weiterbringen, sondern eher aufhalten, meinen Weg zu gehen. Oft erkennen wir dies erst mit der Zeit und dann ist die Frage, wie wir damit umgehen. In manchen Kreisen geht es sogar so weit, dass man von der ganzen Gruppe ausgegrenzt wird, wenn man sich von ihr fernhält oder nicht gutheißt, was sie tut. Das kann einen Riss in die vermeintliche Freundschaft geben, aber oft ist es gut, wenn wir uns davon abschneiden. Da braucht es Gottes Weisheit und Kraft, dies durchzustehen. David erkennt, dass er sich mit solchen Leuten nicht abgeben will und kann, denn es widerspricht dem, was Gott für David gedacht hatte: Ein Leben im Bewusstsein, wer er ist in Gottes Augen.
Alltägliches Gebet (Psalm 139,23-24)
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.
Dies führt David zum Schluss, dass er selbst nicht immer alles richtig gemacht hat und machen wird. Deshalb bittet er Gott in diesem Gebet, dass er ihn immer wieder erforscht und prüft. Er lädt Gott ein, ihm zu zeigen, wo er auf bösem Weg steht und bittet ihn, ihn auf seinem Weg zu leiten, der zum ewigen Leben führt. Was für eine Herzenshaltung! David weiß, dass er nicht perfekt ist, weil er weiterhin sündigt und nicht immer die richtigen Entscheidungen trifft. Er erlaubt Gott, ihn darauf hinzuweisen, ihn zu durchforschen, seine innersten Gefühle und Gedanken, denen er sich vielleicht selbst nicht bewusst war. Er möchte ein gerechtes Leben führen. So dürfen wir auch Gott bitten, unser Leben zu führen, uns auf Fehler hinzuweisen, Versöhnung zu stiften und falsche Wege wiederherzustellen. Dieses Gebet kann man z. B. morgens oder abends beten, bevor man den Tag beginnt oder schlafen geht.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gute Gedanken über sich selbst und andere. Mögen Sie Personen und Situationen aus Gottes Perspektive sehen. Mögen Sie wissen, dass der Heilige Geist Sie in Gottes Licht führt und Ihnen ein Wegweiser ist.
Ein gesegnetes Pfingstfest wünscht
Diakonin Anne Keller
