Am vergangenen Sonntag, dem Internationalen Museumstag, las Anke Heimberg, die Herausgeberin der Werke der jüdischen Autorin Victoria Wolff aus deren Roman „Gast in der Heimat“ in der ehemaligen Synagoge in Remseck-Hochberg. Das Buch erschien 1935 in einem Exilverlag in den Niederlanden, weil die jüdische Heilbronnerin in Deutschland nicht mehr publizieren durfte und in die Schweiz und später in die USA emigriert war. Anke Heimberg hat den Roman kommentiert 2021 in Deutschland wieder zugänglich gemacht. Victoria Wolff beschreibt anhand der protestantischen Familie Dortenbach und der jüdischen Martells in einer württembergischen Weinstadt, hinter der sich Heilbronn verbirgt, wie sich das Klima Anfang der dreißiger Jahre veränderte: Es kam zu einer schleichenden Vergiftung des sozialen Miteinanders durch den Antisemitismus. Wolff beschreibt anschaulich die verschiedenen Reaktionen auf die Machtübernahme der Nazis: von Begeisterung über Anpassung aus Angst bis zu kleinen Widerstandshandlungen. Auf jüdischer Seite ist es häufig die Unterschätzung der Situation und die Lähmung. Victoria Wolff erkannte den Ernst der Lage früh und verließ schon 1933 Deutschland, wie die Protagonistin in ihrem Roman. Die präzise Beschreibung der ersten antijüdischen Maßnahmen wie der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 kennzeichnet „Gast in der Heimat“. Während viele Juden 1933 noch hofften, dass die antisemitischen Maßnahmen vorübergehend seien und sich wieder Mäßigung und Vernunft durchsetzen würden, sah Victoria Wolff früh und glasklar die Gefahr und propagierte mit ihrem Roman das Exil. Anke Heimberg stellte einfühlsam das Buch und das Leben Victoria Wolffs vor, die 1992 in den USA starb. Die Mörike-Buchhandlung Ludwigsburg bot an einem Büchertisch Wolffs Romane „Gast in der Heimat“, „Die Welt ist blau“ und „Das weiße Abendkleid“ zum Kauf an. Anke Heimbergs Vortrag sorgte für Nachfrage. Der Museumstag stand dieses Jahr im Land unter dem Motto „Baden-Württemberg erzählt“. Dem wurde durch die Lesung Rechnung getragen.
Kai Buschmann
Beth Shalom – Haus des Friedens. Verein für Erinnerungs- und Friedensarbeit in Remseck e. V., www.bethshalom-remseck.de, info@bethshalom-remseck.de


