Bei diesen handelte es sich um amtliche Anerkennungsschreiben der abgeschlossenen Handwerks-ausbildung in Form einer ausgeschmückten Urkunde, oft mit Siegel und einer Stadtansicht. Der Gesellenbrief sollte nach Ausbildungsende dem auf die Walz gehenden Handwerksgesellen als Ausbildungsnachweis dienen.
Ein schönes Beispiel dafür ist das für Johann Jakob Kohler vom Obermeister der Weißgerberzunft Calw Johann Michael Volz am 27. August 1792 ausgestellte Exemplar. Aus diesem Dokument erfährt man nicht nur, dass der oben Genannte zwei Jahre bei Johann Michael Kohler gearbeitet und sich in dieser Zeit treu, fleißig, still, friedsam und ehrlich verhalten hat, sondern auch, dass er gebürtig aus Calw ist, etwa 20 Jahre alt, von mittlerer Statur und braune Haare hat. Die letztgenannten Angaben dienten sicherlich der Identifizierung des Gesellen, wenn er mit diesem Ausbildungsnachweis bei Handwerksbetrieben um Arbeit bat.
Die auf dem Gesellenbrief abgebildete Ansicht von Calw ist von besonderem Interesse: Es gibt nicht viele Calwer Stadtansichten aus dieser Zeit und unter dem Bild wird eine Erläuterung zu einigen der abgebildeten Häuser geboten (Legende). Für uns heute ein großer Gewinn! Unter der Nr. 4 wird die ruinierte Hospitalkirche neben dem Hospital (Nr. 5) links vorne vor der Nikolausbrücke angegeben, die damals nur obere Brücke hieß. Zu sehen ist auch der alte Totengarten (Friedhof) auf der anderen Flussseite gegenüber dem Brühl mit der sich darin befindenden Kapelle, die heute nicht mehr existiert (Nr. 36 und 37). Neben der Stadtkirche und den Verwaltungsgebäuden sind, wie es sich für eine Handelsstadt gehört, auch die dafür wichtigen Gebäude vermerkt: das „gros Waare[n] Haus“ (Nr. 28), das „Blau Farb Hauß“ (Nr. 29), das „Schwartz farb Hauß“ (Nr. 31) und direkt daneben das „Scharlach farb Haus“ (Nr. 32) sowie das „Gerber Thörle“ (Nr. 27). Auch die nähere Umgebung wird nicht ausgelassen. Die verschiedenen Waldgebiete, der Gimpelstein, der Weg „ins Wildbaad“ und das Dorf Alzenberg sind vermerkt.