Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt würde.
(Matthäus 27,26 Lutherbibel 2017)
Ein wolkenloser Himmel, die Sonne brennt ohne Erbarmen schon seit dem frühen Morgen. Am staubigen Wegesrand stelle ich im Schatten eines Maulbeerbaumes meinen schweren Wasserkrug ab und wische mir mit dem Ärmel meines Kleides den Schweiß von der Stirn. Eine kleine Pause wird mir guttun. Plötzlich höre ich Tumult, es scheint vom Ende der Straße zu kommen. Was da wohl wieder los ist? Ich hebe meinen Wasserkrug wieder auf die Schulter und mache mich weiter auf den Weg. Der Lärm wird immer lauter, umso näher ich der Wegkreuzung komme. Da, jetzt kann ich sie sehen, eine Menschenmenge, darunter Pharisäer, Schriftgelehrte und römische Soldaten. Laut schreit die Menge durcheinander. Ich trete näher heran und jetzt kann ich ihr Rufen auch verstehen! „Kreuzigt Ihn, kreuzigt Ihn!“ Was geht hier vor sich? Warum ist die Menge so aufgebracht und wütend? Und warum soll jemand gekreuzigt werden? Was hatte derjenige verbrochen? Wie angewurzelt stehe ich da und kann mich nicht rühren, erstarrt von dem, was sich vor meinen Augen abspielt. Und dann sehe ich Ihn! Mitten in diesem wilden Haufen, ein Mann, auf seinem Kopf trägt er eine Dornenkrone, sein Gesicht ist von Blut überströmt, sein Körper von vielen Peitschenhieben voller Wunden. Mit schleppendem Schritt bewegt er seine baren Füße langsam und beschwerlich über die staubige, steinige Straße. Auf seinem Rücken trägt er ein schweres Kreuz, sein eigenes Kreuz. Laut wird er verspottet und angespuckt, und ich denke mir, was für ein schlimmes Verbrechen muss er begangen haben, um so sein Ende zu finden! Doch dann, für einen kurzen Moment, trifft mich völlig unerwartet durch die Meute hindurch, sein Blick. Ein Schaudern durchzuckt meinen Körper! Sein Blick scheint mich zu durchbohren, so als ob er um jedes Geheimnis meines Daseins wüsste. Nein, dieser Mann konnte kein Verbrecher sein! Es war kein Hass, keine Wut in seinen Augen zu sehen, nur tiefe Liebe und Traurigkeit. Ich muss wissen, wer er ist, was mit ihm geschieht! Ich lasse meinen Wasserkrug am Wegesrand stehen und folge der Menge langsam den Berg hinauf. Als ich oben ankomme, hängt er schon am Kreuz und neben ihm zwei weitere Männer. Ich kann es kaum fassen, was hier geschieht. Da hängt er und trotz großer eigener Qualen nimmt er sich der Probleme seiner Mitgekreuzigten an. Dann wendet er sich den weinenden Frauen unter seinem Kreuz zu und spricht ihnen tröstende Worte zu! Plötzlich verschwindet die Sonne, und in die Finsternis des Tages hinein ruft er laut die Worte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist!“ Eine unheimliche Stille folgt diesen Worten. Ich stehe da, starre fassungslos in die Dunkelheit, und mir wird klar, dieser Mann war kein gewöhnlicher Mann und schon gar kein Verbrecher! Mir wird auch klar, ich muss und werde mich auf die Suche nach Ihm und der Wahrheit machen.
Elisabeth Boldt