Überforderung, Zweifel, Sinnsuche - Das Buch „Über Menschen“ stammt aus der Feder von Bestsellerautorin Julie Zeh, pünktlich zum ersten Lockdown der Coronapandemie erschienen. Unbequeme Wahrheiten werden beim Namen genannt. Protagonistin des Bühnenstücks ist Dora, die mit ihrem Freund in Berlin lebt und die Nase voll hat von der politischen Polarisierung, dem sich Verhalten müssen, den Zwängen und angstbehafteten Ausuferungen während der Coronazeit.
Die Flucht auf das Land
Kurzentschlossen flüchtet sie, nicht nur vor ihrem Freund Robert, sondern aus der Stadt auf`s platte Land, nach Bracken in Brandenburg, wo sie ein Haus gekauft hat.
Jochen der Rochen, ihre Hündin, hat sie dabei und dann gräbt sie den Garten um, Ahnung von Gartenarbeit hat sie nicht, einfach machen denkt sich Dora. Spuckschutzscheiben und Übersterblichkeit hat sie hinter sich gelassen im 284-Seelen-Dorf, wo 30 Prozent AfD-Wähler sind. Unverbindlich aneinander vorbei leben ist nicht, Jeder kennt Jeden und gleich nebenan wohnt Gote. „Ich bin der Dorf-Nazi“ stellt er sich vor. Ein Unsympath, wie er im Buche steht oder vielleicht doch nicht? Rechtsradikal trifft an der Gartenmauer auf linksliberal. Schockstarre bei Dora.
Einige weitere Dorfbewohner tauchen auf, Dora merkt schnell: hier interessiert man sich, man hilft sich, man erzählt und hört zu. Der Dorfnazi zimmert für Dora ein Bett, bringt ihr Stühle vorbei, er zeigt auch die andere Seite, wenn er mit seinen Kumpels vor einer Bierflaschenbatterie im Garten sitzt und das Horst-Wessel-Lied grölt. Rassistische Witze gehören dazu, aber auch das hilfsbereite Schwulenpaar Steffen und Tom. Die Dorfbewohner zeigen vielfältige Seiten, vor allem die menschliche, die zugewandte, sie packen an, nicht nur zuhause, sondern auch bei Dora.
Wo man sich noch gegenseitig hilft
Im Handumdrehen wird Doras Haus gestrichen, der Lohn sind ein paar Tassen Kaffee. Die Badische Landesbühne hat die Romanvorlage mit viel Witz, aber auch mit dem Blick in vermeintliche Abgründe umgesetzt. Eine andere Sicht der Dinge wird gezeigt. Konfrontationen aushalten, andere Meinungen und politische Gesinnungen akzeptieren, bringt Dora weiter, sie entwickelt Empathie für die Menschen im Dorf, die völlig anders ticken. Sie wird Teil der Gemeinschaft, entdeckt, dass man sich über andere Menschen nur eine Meinung bilden kann, wenn man Begegnung zulässt. Am Ende der Welt lebt man in Bracken nicht, wird von den Problemen jenseits des dörflichen Mit- und Gegeneinanders auch tangiert. Hoffnung auf eine versöhnlichere Gesellschaft vermittelt das Bühnenstück auch, wenn auf der anderen Seite der Gartenmauer eine andere Welt existiert.irs