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Barrierecheck mit BSK und EKWZ in Krautheim

Wenn Alltagshindernisse plötzlich für die Politik greifbar werden Nach den kontroversen Diskussionen der Krautheimer Gespräche im Februar dieses Jahres...

Wenn Alltagshindernisse plötzlich für die Politik greifbar werden
Nach den kontroversen Diskussionen der Krautheimer Gespräche im Februar dieses Jahres blieb es nicht bei politischen Absichtserklärungen. Drei der damals beteiligten Politiker hatten angekündigt, sich selbst im Rollstuhl ein Bild von den alltäglichen Barrieren in Krautheim zu machen – nicht aus der Perspektive eines Sitzungssaals, sondern unmittelbar im Stadtgebiet. Mit MdB Dr. Tim Breitkreuz (CDU) und Jonas Aberle (Vorsitzender SPD Hohenlohe) setzten nun zwei der eingeladenen Politiker dieses Versprechen um. Mario Dietel (Bündnis 90/Die Grünen) musste kurzfristig absagen.
Begleitet wurde der Barriere-Check von Krautheims Bürgermeister Andreas Insam sowie Vertreterinnen und Vertretern des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) und des Eduard-Knoll-Wohnzentrums (EKWZ). Mit dabei waren unter anderem BSK-Bundesvorsitzende Verena Gotzes, Vorstandsmitglied Hartmut Schulze, Marco Volk als Leiter der Bundesgeschäftsstelle sowie Gaby Trabold-Jäger vom BSK-Bereich Hohenlohe-Franken e.V. Auch EKWZ-Geschäftsführerin Nadine Kress nahm teil. Unterstützt wurde der Rundgang von Bewohnerinnen und Bewohnern des EKWZ, die ihre persönlichen Erfahrungen einbrachten.
Direkte Alltagserfahrung im Stadtgebiet
Den Auftakt bildete das Krautheimer Rathaus, das Bürgermeister Insam selbst für die Gruppe öffnete. Das Gebäude ist inzwischen über eine Rampe und eine elektrische Tür barrierefrei zugänglich – ein sichtbares Beispiel dafür, dass auch historische Bausubstanz angepasst werden kann. Gleichzeitig zeigte sich dort ein typisches Problem: Zwar gibt es eine barrierefreie Toilette, diese entspricht jedoch aufgrund enger Flure und begrenzter Fläche nicht vollständig den aktuellen DIN-Anforderungen. Für größere Elektrorollstühle ist sie leider nicht geeignet. Damit wurde deutlich, dass formale Barrierefreiheit nicht automatisch tatsächliche Nutzbarkeit bedeutet.
Beim anschließenden Rundgang durch Krautheim wurden zahlreiche Barrieren unmittelbar erlebbar. Kopfsteinpflaster, enge Gehwege, hohe Bordsteinkanten und teilweise steile Rampen machten die Fortbewegung für die Rollstuhlnutzenden immer wieder schwierig.
Besonders deutlich wurde dies, als es zu einem Zwischenfall kam: Eine Teilnehmerin aus dem EKWZ, stürzte mit ihrem Elektrorollstuhl, nachdem sie einen hohen Bordstein ungünstig erwischt hatte. Glücklicherweise blieb sie unverletzt. Mehrere Passanten reagierten sofort und halfen. Der Vorfall machte jedoch deutlich, wie schnell aus kleinen baulichen Hindernissen reale Gefahrensituationen entstehen können. „Mit abgesenkten Bordsteinen wäre das gar nicht passiert“, so ihre Einschätzung im Nachgang.
Versperrte Gehwege, Verkehr und fehlende Rücksichtnahme
Wiederholt Thema waren auch zugeparkte Gehwege und abgestellte Mülltonnen. Besonders kritisch wurde die Situation zwischen Volksbank und Bäckerei in der Altkrautheimer Straße beschrieben. Trotz des bestehendem Halteverbots würden Fahrzeuge regelmäßig so stehen, dass Rollstuhl- und Rollator-Nutzende auf die Fahrbahn ausweichen müssten.
Auch die Verkehrssituation selbst sorgte für Diskussionen. Die Politiker im Rollstuhl erlebten, wie knapp Fahrzeuge teilweise an ihnen vorbeifuhren. Bürgermeister Insam verwies darauf, dass Appelle im Amtsblatt oft nicht ausreichten und bei Verstößen letztlich nur konsequente Kontrollen oder Bußgelder Wirkung zeigten. Gleichzeitig machte er auf die finanziellen Grenzen der Kommune aufmerksam, etwa bei der Einrichtung stationärer Geschwindigkeitsmessanlagen. Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V.-Vertreterin Verena Gotzes betonte dagegen, dass der Schutz vulnerabler Gruppen Vorrang haben müsse und auch bauliche Maßnahmen wie Tempo-30-Zonen oder zusätzliche Sicherungen geprüft werden sollten.
Mobilität als zentrales Problem
Ein weiterer Schwerpunkt war die öffentliche Mobilität. Besonders die Buslinien 11 und 19 wurden erneut kritisiert. Nach wie vor können Rollstuhlnutzende häufig nur einzeln befördert werden, teils werden Fahrgäste sogar zurückgelassen. „Niemand fährt allein einkaufen oder ins Café. Wenn es aber Stunden dauert, die Kleingruppe hin und wieder zurückzubefördern, ist der gesamte Tag nur mit Wartezeiten und Transfers ausgefüllt“, kritisierte Nadine Kress.
Auch der Krautheimer Busbahnhof bleibt ein zentraler Streitpunkt. Positiv aufgenommen wurde jedoch die Information, dass der langjährige Rechtsstreit mit der Deutschen Bahn abgeschlossen ist und das Entwidmungsverfahren den Weg für einen möglichen Umbau frei gemacht hat. Damit besteht erstmals wieder die Chance auf einen barrierefreien, modernen Verkehrsknotenpunkt in Krautheim.
Bürokratie, Teilhabe und politische Diskussion
Im persönlichen Austausch wurden auch überregionale Themen diskutiert. Vertreter des BSK warnten vor geplanten Kürzungen in der Eingliederungshilfe, insbesondere bei Assistenzleistungen für Schule und Reisen. Diese seien für viele Betroffene Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.
Kritik gab es zudem an der hohen Bürokratie bei Sozialleistungen und Behindertenparkausweisen. Mehrere Teilnehmende forderten dauerhafte Bewilligungen in eindeutigen Fällen, da sich der Gesundheitszustand von Menschen mit Körperbehinderungen in der Regel nicht mehr bessere.
Auch Fragen der Mitbestimmung wurden angesprochen. Bewohnerbeiräte in Einrichtungen seien ein wichtiges Instrument der Selbstbestimmung und dürften nicht geschwächt werden.
Fazit: Teilhabe muss praktisch funktionieren
Am Ende des Barriere-Checks herrschte Einigkeit darüber, dass viele Barrieren erst im direkten Erleben vollständig sichtbar werden. Die Beteiligten betonten, dass es nicht nur um politische Konzepte gehe, sondern um konkrete Alltagssituationen.
„Es geht nicht um Sonderbehandlung, sondern um gleiche Möglichkeiten im Alltag“, fasste Verena Gotzes zusammen. Der Barriere-Check habe gezeigt, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in vielen Bereichen noch sei – und zugleich, wo konkrete Verbesserungen möglich wären, wenn Planung und Praxis konsequent zusammenlaufen.

Erscheinung
Amts- und Mitteilungsblatt Stadt Krautheim
NUSSBAUM+
Ausgabe 22/2026
von BSK e.V.
28.05.2026
Dieser Inhalt wurde von Nussbaum Medien weder erfasst noch geprüft. Bei Beschwerden oder Anmerkungen wenden Sie sich bitte an den zuvor genannten Erfasser.
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