Zehn junge Italiener sind für ein Austauschprogramm in die Region gekommen. Was sagen sie zur hiesigen Kultur? Und wie funktioniert der Austausch mit den deutschen Schülern?
Voller Stolz halten die Jugendlichen die Zertifikate in die Kamera, während ihre Lehrerin ein Foto schießt: als Erinnerung an einen besonderen Moment. Dass sie sich darüber freuen, bringen die Jugendlichen deutlich zum Ausdruck. Allerdings nicht auf Deutsch, denn sie kommen aus dem Süden Italiens, genauer gesagt aus der Stadt Fasano, die in etwa dort liegt, wo der Stiefel die Hacke hätte. Mehr als 1.500 Kilometer haben sie zurückgelegt, um an einem Austausch mit der Königsbacher Willy-Brandt-Realschule teilzunehmen: über das Programm „Erasmus“, das auch einen großen Teil der Kosten trägt. „Solche Erfahrungen sind wichtig und wertvoll“, sagt Konrektorin Jennifer Walther, die den Austausch in Königsbach koordiniert und von einem guten Miteinander berichtet: „Das hat von Anfang an perfekt gepasst.“ Ihr Kollege Lukas Görig erzählt: „Die Jugendlichen haben sich richtig toll zusammengefunden und schon alles erlebt, was eine Teenager-Freundschaft ausmacht.“
Die Kommunikation läuft fast ausschließlich auf Englisch, selten auf Italienisch oder auf Deutsch. „Alle geben ihr Bestes.“ Alle, das sind insgesamt 20 Jugendliche aus der neunten Klasse: zehn italienische von einer technischen beruflichen Schule, zehn deutsche. Letztere gehören an der Königsbacher Realschule zu einer Arbeitsgemeinschaft, die ganz im Zeichen von Erasmus steht und seit ihrer Gründung schon etliche Austauschprogramme absolviert hat, unter anderem mit Schulen in Portugal, Polen und Finnland. Längst hat sich zwischen den Mitgliedern eine enge Freundschaft entwickelt: eine intakte Gemeinschaft, die alles miteinander teilt. Das zeigt sich auch beim Austausch. Als einer der Jungs ein Fußballspiel hat, stehen die anderen mit ihren Austauschschülern zum Anfeuern am Spielfeldrand. Um den Alltag und die Kultur kennenzulernen, leben sie in Gastfamilien. Viele Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, mittags fast immer, manchmal auch abends, etwa beim Grillen. Langeweile gibt es nicht. Dafür sorgen nicht nur die Lehrer mit Ausflügen und sportlichen Aktivitäten, sondern auch die Gastfamilien, die mit den Jugendlichen viel unternehmen.
Weil das Austauschprogramm ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit steht, haben die Schüler schon Insektenskulpturen aus Müll gebaut und bei Porsche mehr über die Elektromobilität gelernt. Fragt man die Schüler, dann hört man nur Positives. Etwa von Teresa, die die Königsbacher Realschule besucht und den Austausch „ganz cool“ findet, vor allem wegen der Kontakte, die sie dabei zu Jugendlichen aus anderen Ländern knüpfen kann. Zudem hofft Teresa, dadurch ihre Englischkenntnisse verbessern zu können. Die Kommunikation mit den Italienern klappt bei ihr immer: „manchmal etwas holprig, aber dann spricht man halt mit Händen und Füßen“. Das können Teresas Mitschüler bestätigen. „Wir wissen inzwischen fast alles voneinander“, sagt eine. Und ein anderer meint, die Italiener seien „sehr nett und hilfsbereit“.
Und was sagen die Italiener? Ihnen gefällt es in der Region, auch wenn vieles ein bisschen anders ist als in ihrer Heimat. Etwa bei den Häusern, beim Klima und bei den Einkaufsmöglichkeiten, die in Italien oft auch sonntags geöffnet haben. Davide ist zudem aufgefallen, dass man in Italien abends viel mehr Menschen auf den Straßen sieht. Der 14-Jährige nimmt viele neue Eindrücke und Erfahrungen mit. Den Austausch empfindet er als wertvoll, ebenso den Kontakt zu seinen deutschen Mitschülern. „Wir haben uns alle schon angefreundet und sind zu einer Gruppe zusammengewachsen“, sagt Davide, der diese Worte natürlich nicht auf Deutsch spricht. „Wir wurden sehr freundlich begrüßt“, sagt Lehrerin Rita Dagone, die die Gruppe mit einer Kollegin begleitet und an der Königsbacher Realschule selbst im Klassenzimmer steht, um Französisch und Englisch zu unterrichten. Beim sogenannten „Job Shadowing“ will sie neue Unterrichtsmethoden kennenlernen und sehen, wie Schule in anderen Ländern funktioniert. Sie ist überzeugt, dass der Austausch viele „Benefits“ für die Schüler bringt, etwa zum Verbessern ihrer Sprachkenntnisse oder zum Sammeln neuer Erfahrungen.
Dagone sagt: „Wir haben uns viel ausgetauscht und wir haben viel gelernt.“ Auch über die deutsche Kultur und die Menschen, die längst nicht so kalt, distanziert und formal sind wie es die Italiener erwartet hatten. Zumindest nicht, wenn man sie ein wenig auftauen lässt. „Wir erfahren viel Wärme und Wertschätzung“, sagt Dagone, die allerdings auch überrascht war. Etwa von dem Umstand, dass es hierzulande so gut wie keine Cafés und deutlich weniger gesellige Treffpunkte gibt. Zudem ist Dagone und ihren Schülern aufgefallen, dass die Deutschen viel früher zu Abend essen. Die Lehrerin hat schon oft Austauschprogramme begleitet und dabei keine großen Unterschiede zwischen den Jugendlichen feststellen können. Sie hält es für wichtig, ein europäischer Bürger zu sein, andere Länder und Kulturen kennenzulernen. Eine weitere Gelegenheit dazu gibt es schon in zwei Wochen. Dann werden nämlich die Königsbacher Schüler den Gegenbesuch antreten. – Nico Roller
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Auf dem Pausenhof versammeln sich die italienischen und die deutschen Schüler zu einem Gruppenbild. Hinter ihnen steht ein großer Wegweiser, den sie zusammen gebaut haben. Er zeigt zu allen Städten, mit denen die Königsbacher Realschule schon einen Austausch hatte. (rol)
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Die beteiligten Lehrer freuen sich über einen gelungenen Austausch, darunter auch Rektor Roland Weisser (Zweiter von rechts). (rol)


