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„Bleibt die Kirche im Dorf?“ – Nachlese zum Erzähl-Café mit Dekanin Dr. Juliane Baur und Johannes Fuchs

Zum festen Bestandteil des Programmangebots des Geschichtsvereins zählen seit einigen Jahren die Erzähl-Cafés. Diesmal versammelten sich zum Thema „Bleibt...
Etwa 40 Interessierte kamen zum Erzähl-CaféFoto: JW

Zum festen Bestandteil des Programmangebots des Geschichtsvereins zählen seit einigen Jahren die Erzähl-Cafés. Diesmal versammelten sich zum Thema „Bleibt die Kirche im Dorf?“ am 15. April 40 Interessierte.

Dekanin Dr. Juliane Baur und der ehemalige Bürgermeister und Landrat Johannes Fuchs als Moderator diskutierten die Fragen: „Ist die Kirche auf dem Rückzug? Wie viel Kirche bleibt künftig im Dorf?“

Zunächst bat Fuchs Dr. Baur, ihre Aufgabe als Dekanin und ihren Werdegang zu erläutern. Sie verglich die Rolle von Dekan und Pfarrer mit Landrat und Bürgermeister, betonte jedoch, dass Dekane immer auch eine eigene Pfarrstelle innehaben. Das Dekanat zählt zur mittleren Leitungsebene. Dekane werden gewählt, verantworten die Bezirksebene, sie sind Vorgesetzte der Pfarrer, führen Visitationen durch und steuern Veränderungsprozesse. Sie selbst habe in Stuttgart, Erlangen, Münster, Heidelberg und am Stift in Tübingen Theologie studiert bevor sie nach einigen Jahren im Pfarramt zur Dekanin in Schorndorf gewählt wurde.

Der Wandel der Kirche sei unübersehbar, so Fuchs. Ihre identitätsstiftende Kraft stehe zunehmend im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation. Wie kann die Kirche darauf reagieren? Wie will die Kirche dem geänderten Anforderungsprofil ihrer zunehmend schwindenden Mitgliederschaft gerecht werden?

Dr. Baur verwies darauf, dass auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen Institutions- und Systemverdrossenheit deutlich sichtbar und spürbar sei, in Politik ebenso wie in der Wirtschaft. Die Kirche habe jedoch einen Vorteil: Sie sei eine „Hoffnungsgemeinschaft“. Diese „unsichtbare Kirche“ werde bestehen bleiben. Dennoch müsse die Krise und der notwendige Reformprozess klar benannt und aktiv angegangen werden.

Ein zentrales Problem sei der „Traditionsabbruch“: Religiöses Wissen gehe zunehmend verloren. Wie sollen junge Menschen über Taufe entscheiden, wenn ihnen die Grundlagen fehlen? Gleichzeitig habe sich die Erwartungshaltung verändert. Viele stellten die Frage nach dem persönlichen Nutzen einer Kirchenmitgliedschaft. Da dieser oft nicht erkannt werde, sinken die Mitgliederzahlen – 2025 etwa um 2,9 % (entspricht 50.220 Personen) in der evangelischen Landeskirche Württemberg. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung gehört noch einer der großen Kirchen an.

Die Kirche müsse deshalb ihre Perspektive ändern und sich stärker am Sozialraum orientieren. Statt darauf zu warten, dass Menschen von selbst kommen, müsse sie aktiv Angebote und neue Formate schaffen, die Orientierung und Halt geben.

Für die Gemeinden bedeutet das angesichts knapper werdender Ressourcen einen steigenden Handlungsdruck. Ziel sei es, flächendeckend präsent zu bleiben, mit etwa einer Pfarrstelle pro 1.700 Menschen bis 2035. Gleichzeitig müsse das Ehrenamt stärker eingebunden werden. Es muss nicht immer der Pfarrer predigen. Gemeinden sollten sich von der starken Fixierung auf den Pfarrer lösen und multizentrische Strukturen entwickeln.

Auf die Frage nach der Stärkung von Vielfalt und Sichtbarkeit kirchengemeindlichen Wirkens betonte Dr. Baur die Bedeutung der sogenannten Regio-Lokalität. Durch interkommunale Zusammenarbeit und die Bündelung von Ressourcen entstünden auf lokaler Ebene neue Spielräume für innovative Angebote. Beispiele seien Kooperationen zwischen Gemeinden, wie zwischen Urbach und Plüderhausen sowie neue Formate wie die „Schlafanzug-Gottesdienste“ von Pfarrerin Melchionda.

Auch das Berufsbild des Pfarrers verändere sich deutlich. Teamfähigkeit werde zur Schlüsselkompetenz, um gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen lebendige Gemeinden zu gestalten. Gleichzeitig müsse das Profil der Ortsgemeinden geschärft werden, etwa durch Bildungsarbeit, diakonische Angebote und Seniorenangebote. Auch dabei sei das Engagement Ehrenamtlicher unverzichtbar.

Angesprochen auf den Zulauf zu freikirchlichen Gemeinden und evangelikalen Gruppierungen erklärte Dr. Baur auch dies mit der weitverbreiteten Tendenz in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, nach Alternativen zu den tradierten Institutionen und deren Werte zu suchen. Was im politischen Kontext heute als „Altparteien“ tituliert wird, ist im religiösen Kontext für viele Menschen die „Amtskirche“, die als verkrustet, autoritär, veraltet und damit in Summe als unattraktiv wahrgenommen wird. Wichtig sei jedoch, sich gegenseitig den Glauben nicht abzusprechen. Die Kirchen müssten ihre Attraktivität durch mehr zeitgemäße Angebote steigern.

Zum Abschluss ging es um die Zukunft des kirchlichen Immobilienbestandes. Mittelfristig müssten 35 bis 50 Prozent aufgegeben werden. Für Urbach bedeute das konkret: Die Friedenskirche wird veräußert, da zwei Kirchen für den Ort auf Dauer nicht zu unterhalten sind. Die Herausforderungen sind enorm, denn nur vier Kirchen im Bezirk Schorndorf sind nicht denkmalgeschützt.

Auf die abschließende Frage, ob ihr ihre Arbeit noch Freude bereite, antwortete Dr. Baur klar mit Ja. Würde sie als Pfarrerin in Urbach arbeiten, würde sie ihre Aufgabe sozialraumorientiert, diakonisch, selbstbewusst und mit einem Schwerpunkt auf Bildung und viel Musik gestalten.

Die Gäste der Veranstaltung waren beeindruckt von der ungeschminkten und kritischen Haltung zu der Zukunft der Ortskirche, die Dekanin Dr. Baur zum Ausdruck brachte. Ein Erzähl-Café, das auch persönlichen Gewinn erbrachte.

Dekanin Dr. Juliane Baur.Foto: privat
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