Dirk Gieselmann, Zeit ihres Lebens,
Roman, 223 Seiten, ullstein, 2025
Es ist die Liebe auf den ersten Blick – jedoch mit Verspätung. Georg, jenseits der Vierzig, Vertreter für medizinisches Zubehör, Vater eines Sohnes, ist nur mäßig glücklich verheiratet; Frieda, aus Gewohnheit alleinstehend, Grundschullehrerin, hat mit Ende dreißig die Hoffnung auf eine feste Beziehung aufgeben. Doch der Verlockung dieser besonderen Begegnung will sie nachgeben, gleichzeitig, dass beider weitere Treffen ein Geheimnis bleiben. So sehen sich die Liebenden bis ins Rentenalter nur, wenn Georg von Berufs wegen in Friedas Heimatort weilt. "Boy meets girl", das altbekannte Thema, weiß hier vor allem durch die Erzählerstimme zu begeistern - die Sätze, größtenteils in der Art von Versen rhythmisiert, perlen geradezu über die Seiten, übertragen den geschilderten Ausnahmezustand auf ganz eigene Art ins Belletristische.
Roman, 476 Seiten, Goldmann, 2025
Die 16-jährige Sorcha lebt an der Südküste Irlands. Am Strand in einer einfachen Hütte lebt Con – ein Musiker, der den Traum eines großen Künstlers lebt. Die beiden verlieben sich unsterblich ineinander. Doch die Liebe muss vor Sorchas Eltern geheim bleiben. Wäre da nicht die missgünstige Helen, die von ihren toten Eltern ein großes Erbe hat, jedoch im Leben nicht glücklich ist. Sie verrät Sorcha – ihr bleibt nur die Flucht mit Con ins benachbarte London. Dort erhofft sich Con, seine große Karriere zu beginnen. Schon bald tun sich ein paar Türen auf und Con lernt eine Band kennen, mit der er eine Karriere machen könnte. Doch auch Helen ist inzwischen in London und als diese die Band trifft, nimmt das Drama seinen Lauf. Die berühmte Autorin verstarb 2021, ihre unvollendeten Werke werden durch ihren Sohn fertiggestellt. In zwei Handlungssträngen aufgebaut wagt sie sich hier an eine Thematik, die eher jüngere Leserinnen ansprechen wird. Hervorragend nachvollziehbar ist das London in den 1960ern, sprachlich geschickt die Geschichten der beiden Protagonistinnen verwoben .
Roman, 427 Seiten, eichborn, 2025
Maja macht eines Morgens eine furchtbare Entdeckung. Ihre Mutter Emma liegt tot im Wohnzimmer, umgebracht von Majas Vater. Schwer traumatisiert wird die 9-Jährige zu den Großeltern mütterlicherseits gebracht, die das vorläufige Sorgerecht erhalten. Doch wie soll die Familie nach diesem brutalen Mord den Faden zueinander und zum Leben wieder aufnehmen? Behutsam gehen die Trauernden den Weg auf der Suche nach Trost und Halt. Nach ihren zuletzt veröffentlichten Sachbüchern, legt die Autorin nun wieder einen Roman vor. Diesmal thematisiert sie die Gewalt gegen Frauen und das Versagen der Gesellschaft. Ein Femizid bringt das Leben der Angehörigen ins Wanken, verbunden mit der Frage: Hätten wir diese grausame Tat verhindern können? Eindringlich und differenziert erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven entsteht so ein Bild der Hilflosigkeit, der Schuldgefühle und der Traumatisierung aller Beteiligten. Selbst das Opfer bekommt eine Stimme, dem Täter wird sie konsequent verweigert. Ein Buch, das erschüttert und nachhallt.
Tamara Böhm, Büchereimitarbeiterin