
Arnd Breuning (1939-2020) war von 1973 bis 1980 Pfarrer der Margaretenkirche in Aldingen. Breuning interviewte 1977 ältere Hochberger zu ihren Erinnerungen an die letzten Juden am Ort und transkribierte die Tonbandaufzeichnungen in exaktem Schwäbisch. Nachfolgend Folge 3 aus diesen Aufzeichnungen:
Der Hochberger Gotthilf Fischer, 1977 79 Jahre alt, erinnerte sich noch an David Israel (1858-1914). Der Kaufmann aus Bödigheim (heute Buchen im Odenwald) heiratete 1884 Pauline Falk (1860-1925), die Schwester von Adolf Falk und erwarb im gleichen Jahr das Haus in der Hauptstraße 9 (heute abgerissen, Parkplatz gegenüber der Rose). David Israel ging dem Vieh- und Bettenhandel nach. Gotthilf Fischer beschreibt ihn: „D’r Israel, des war ein kleiner dicker Mann, do a Doppelkinn und ein breite Kopf, der isch scho außergewöhnlich g’wese.“ Und er erinnert sich noch an eine Besonderheit: „Wenn i do em morgen vorbei bin no ischt d‘r Israel immer am Fenster g’wese un hot do sein Riemen rumg’wickelt g’hed um d’r Arm und a Käschtle drauf net und do hot er immer vor sich na g’schwätzt. Des hot mer natürlich net verstande. Noh an is emol meiner Mutter g’sagt, no hot se g’sagt, der tut bete.“ So wissen wir, dass sich einer der letzten Juden in Hochberg an das dreimal tägliche Gebet im Judentum gehalten hat und das Morgengebet (Schacharit) an Wochentagen mit Gebetsriemen an Arm und Stirn (Tefillin) und zwei kleinen schwarzen Lederkapseln, die Texte aus der Tora enthalten, abgehalten hat.
David und Pauline Israel hatten zwei Kinder: Gustav Israel wanderte 1901 nach London aus, nahm den Nachnamen Falk an und arbeitete mit seinem Cousin Hugo Falk und seinen Onkeln in der Weltfirma Falk & Stadelmann in London mit. Julie Israel heiratete den jüdischen Religionslehrer und Kantor Emanuel Adler, lebte bis 1939 in Cannstatt und konnte in der NS-Zeit noch nach England (so Gertrud Bolay) oder in die USA (so die Aufzeichnungen von Arnd Breuning) ausreisen.
David Israel starb am 29. Mai 1914 überraschend auf dem Heimweg von Ludwigsburg nach Hochberg, vermutlich an einem Schlaganfall. Die Todesanzeige findet sich im Stuttgarter Neuen Tagblatt. Ihr kann man entnehmen, dass es 1914 mindestens ein Enkelkind gab. Über die Nachkommen ist aber bisher nichts weiter bekannt. Seine Frau Pauline überlebte David um 11 Jahre. Beide sind auf dem Hochberger jüdischen Friedhof in einem Doppelgrab beigesetzt. Der Obeliskgrabstein ist gut erhalten.
Kai Buschmann
Beth Shalom – Haus des Friedens. Verein für Erinnerungs- und Friedensarbeit in Remseck e.V., www.bethshalom-remseck.de, info@bethshalom-remseck.de