Die Bewohner des Ortsteils Großgartach werden seit Jahrhunderten „Käsreiter“ genannt. Was ursprünglich als Spottname begann und früher durchaus zu Streitigkeiten Anlass gab, ist heute ein Ehrenname. Er verbindet die Menschen mit der Geschichte ihres Ortes und mit einem Brauch, der weit über die Gemeinde hinaus bekannt ist: dem Leingartener Käsritt.
Ursprung des Namens
Der Ursprung reicht zurück ins Mittelalter. Damals hatten die Großgartacher auf den Prochwiesen des Hipfelhofs ein Weiderecht. Dieses führte immer wieder zu Auseinandersetzungen. Schließlich wurde ein Vergleich geschlossen: Anstelle der Nutzung erhielten die Großgartacher jedes Jahr zwei große Käselaibe. Diese mussten am Pfingstmontag auf dem Hipfelhof abgeholt werden. Aus diesem Ritual entwickelte sich der „Käsritt“ – der festliche Ritt der Reiter mit geschmückten Pferden hinaus zum Hof und zurück ins Dorf, wo man bei Musik, Wein und Tanz bis in die Nacht feierte.
Im Laufe der Jahrhunderte wechselte der Hof mehrfach den Besitzer. Mal waren es adelige Rittergüter, mal die strenggläubigen Spitalbrüder aus Memmingen, die den Hof verwalteten. Immer wieder kam es zu Streit über die Größe des Käses oder die Zahl der Reiter. Manches Mal musste sogar dreimal um die Hofkapelle geritten werden, ehe die Laibe ausgehändigt wurden. Doch gerade diese Eigenheiten gaben dem Brauch seinen unverwechselbaren Charakter.
Das Weiderecht wurde 1836 endgültig abgelöst. Über 100 Jahre ruhte die Tradition, bis man sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an sie erinnerte. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten suchte man ein Fest, das die Dorfgemeinschaft stärkte und auch dem Weinabsatz dienlich war. Der Künstler Richard Herda-Vogel entdeckte die alten Aufzeichnungen, und so fand am 13. August 1950 der erste Käsritt der Neuzeit statt. Seitdem wird er in regelmäßigen Abständen gefeiert und ist längst zum festen Bestandteil des Leingartener Gemeindelebens geworden.
Chronik der Käsritte seit 1950
Heute ist der Käsritt das große Heimatfest Leingartens, das Großgartach und Schluchtern verbindet. Was im Mittelalter ein handfester Streitpunkt war, ist nun ein Symbol für Gemeinschaft, Geschichte und Identität.
Das Fest beginnt am Freitagabend mit der Eröffnung des Festzeltes und einem stimmungsvollen Musikprogramm. Am Samstag wird mit Musik und geselligem Beisammensein fortgesetzt.
Der Sonntag bildet nach historischem Vorbild den Höhepunkt:
Der Montag gehört traditionell den Schulen und Kindergärten. Ab 12.00 Uhr gibt es ein Mittagessen und ab 13.00 Uhr beginnt das Binokeltunier und ab 14.00 Uhr startet der Kinderspielnachmittag. Im Anschluss folgt der Seniorennachmittag mit den „Alten Kameraden“ und „Die Dahenfelder“. Zum Abschluss des Festes: Die Reiterquadrille bei bengalischer Beleuchtung und der Große Zapfenstreich durch den Musikverein Leingarten setzen einen eindrucksvollen Schlusspunkt. Am Abend klingt das Fest im Festzelt aus.
Der Käsritt ist weit mehr als ein Volksfest. Er ist ein lebendiger Ausdruck unserer Geschichte, er zeigt den Zusammenhalt der Vereine und das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger. Heimatverein, Vereine und Gemeinde laden herzlich dazu ein, gemeinsam zu feiern, Tradition zu erleben und die besondere Atmosphäre dieses einzigartigen Festes zu genießen.