In diesem hintergründigen und doch auch unterhaltsamen Film begegnet dem Zuschauer mit dem dementen Kurt das uralte „Samariter-Dilemma“: Wann hört Verantwortung auf, wann fängt Überforderung an? Diese Frage stellt sich in unserer Zeit immer wieder, im Öffentlichen wie Privaten: Welche Leistungen kann das Sozialsystem künftig noch aufrechterhalten, welche müssen unbedingt sein? Wie viele Stunden Arbeit sind notwendig – und wann geht der Einzelne kaputt? Was kann eine Familie verlangen – und wo beginnt der Missbrauch am Einzelnen?
Der Schauspieler August Zirner sagt über die Entscheidung seiner Filmfigur Bernd, Kurt am Ende doch in eine WG für demenzkranke Menschen zu bringen: „Die Praxis lehrt vor allem ihn (Bernd), das wird nicht gehen. Damit überfordern wir uns. Und die Erfahrung, die man hat im familiären Umfeld, ist, es ist fast nicht zu leisten. Die Realität oder die Einsicht, bei allem Bewusstsein, dass das auch ein Scheitern ist, ist sehr traurig, aber es ist eine Realität.“
Darauf gibt es keine Antwort, die einer Schablone gleich allgemeingültig wäre. Vielmehr müssen wir immer neu in uns und unser Gegenüber hineinspüren: Was brauchst du, was brauche ich? Was kannst du tun, wo brauchst du Unterstützung? Ehrlich zu sein, ist da oft das Schwerste, denn damit schlägt man letztlich immer jemandem vor den Kopf.
Der Film macht nachdenklich, ohne düster zu sein. Er zeigt ernsthaft und zuweilen komisch: soziale Verpflichtungen, verwandtschaftliche Erwartungen an einen selbst – und dazu noch die Erwartungen ans eigene Ich. All dies macht die Abwägung das Richtige zu tun, schwer. Und doch: es hilft letztlich nur, wenn man ehrlich sagt, was geht – und wer im Ernstfall auch wen ausnutzt oder in ungute Abhängigkeiten bringt. Denn niemand steht gut, wenn ein anderer umfällt. Für mich eröffnet der Film „Der verlorene Mann“ einen besonderen Blick auf Demenz und zeigt, dass hinter der Erkrankung immer Beziehungen, gemeinsame Erinnerungen und persönliche Geschichten stehen. Und er macht sichtbar, wie komplex das Zusammenleben mit Demenz sein kann – und wie wichtig Verständnis, Geduld und Menschlichkeit im Umgang miteinander bleiben.
Ihr Ronny Baier
