Wenn Cem Özdemir am Mittwochvormittag im Landtag in Stuttgart zum Ministerpräsidenten gewählt wird, dann ist das in gleich mehrfacher Hinsicht ein historischer Moment: Der 60-Jährige ist dann nach seinem Vorgänger Winfried Kretschmann der zweite grüne Regierungschef in der Geschichte der Bundesrepublik. Und: Er ist der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln.
Vom Kind zweier Gastarbeiter zum Regierungschef eines der größten Bundesländer: Die Karriere von Cem Özdemir ist eine beispiellose Aufsteigergeschichte. Sein Lebensweg sei ihm so nicht in die Wiege gelegt worden, sagt der Grünen-Politiker häufig über sich selbst. Die Wahl zum Regierungschef im Südwesten sei, so Özdemir im Vorfeld, der «absolute Höhepunkt in meinem Leben».
Geboren wurde der heute 60-Jährige in Bad Urach am Fuße der Schwäbischen Alb. Seine Mutter nähte in der eigenen Änderungsschneiderei, sein Vater schuftete in mehreren Fabriken.
In der Schule tat sich der junge Cem lange schwer. Hilfe fand er bei Nachbarn und Freunden, die ihn bei den Hausaufgaben unterstützten. Zu seiner Nachhilfelehrerin von damals hat er noch heute Kontakt. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er die Fachhochschulreife nach und studierte Sozialpädagogik. Dann folgte der politische Aufstieg.
Seit 1981 ist Özdemir Mitglied der Grünen, 1994 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Auch damals war das schon historisch: Er war der erste Bundestags-Abgeordnete mit türkischen Wurzeln.
Nach dem rasanten Aufstieg folgte der Fall: Als bekanntgeworden war, dass er dienstlich gesammelte Bonusmeilen privat genutzt und außerdem einen günstigen Privatkredit bei einem PR-Berater aufgenommen hatte, trat Özdemir zurück und verzichtete auf sein Mandat. Es folgte eine politische Auszeit in den USA, bevor er sich ab 2004 über das Europaparlament zurück in den Bundestag arbeitete. Von 2008 bis 2018 war er Bundesvorsitzender seiner Partei. Ab 2013 saß er wieder im Berliner Plenarsaal.
Im Ampel-Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wurde er überraschend Landwirtschaftsminister. Nach dem Bruch der Koalition übernahm er zusätzlich das bis dahin FDP-geführte Bildungsressort.
Der 60-Jährige gilt als absoluter Medienprofi und bespielt auch die sozialen Netzwerke gekonnt: Ob im Stadion beim VfB Stuttgart, bei der morgendlichen Fahrt mit dem Rad zu den Koalitionsverhandlungen oder in der Backstube beim Brezeln schlingen - die Kamera seines Teams ist immer dabei. Im Wahlkampf etablierten sich seine Fotos und Videos mit Brezeln sogar so sehr als Symbol, dass sich Anhänger auf seiner Wahlparty Brezel-Tattoos stechen ließen.
Im Wahlkampf schnitten die Grünen ihre Kampagne voll auf den prominenten Spitzenkandidaten zu. Auf den dunkelgrünen Plakaten wurde nur für Özdemir geworben, für den Namen seiner Partei brauchte man eine Lupe. Gemeinsame Auftritte und Plakate mit Kretschmann sollten ihn als logischen Erben des beliebten Landesvaters positionieren.
Von ihm übernahm Özdemir auch die Strategie der maximalen Abgrenzung von den Bundes-Grünen. Von der «Schwesterpartei» in Berlin sprach Özdemir im Wahlkampf immer wieder - und auch inhaltlich setzte er sich deutlich ab, etwa beim Verbrenner-Aus oder in Fragen der Migration.
Als weiterhin einziger Ministerpräsident der Grünen wird auch sein Einfluss in der Bundespartei zunehmen. Ähnlich wie Vorgänger Kretschmann dürfte er sich auch im Bund für eine Strategie der Mitte werben und sich gegen den linken Parteiflügel stellen. Oder wie Özdemir es selbst sagt: Er stehe gerne mit Rat und Tat zur Seite, wenn man in Berlin wissen wolle, wie die Grünen im Südwesten es geschafft hätten, mehr als 30 Prozent der Stimmen zu holen.
Mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs heiratete Özdemir im Frühjahr seine Partnerin Flavia Zaka. Die 40 Jahre alte Juristin stammt aus Kanada und lernte Özdemir eigenen Angaben zufolge auf einer Geburtstagsparty kennen. Zuvor war er 20 Jahre mit der Journalistin Pia Castro verheiratet, bevor das Paar im November 2023 seine Trennung bekanntgab. Özdemir und Castro haben zusammen eine Tochter und einen Sohn.