
Zwischen großen Fußballmomenten, ehrlichen Einblicken und einer ordentlichen Portion Selbstironie spricht Markus Babbel so offen wie selten zuvor. Der Europameister von 1996 blickt zurück auf die Highlights und Tiefpunkte seiner Karriere, erzählt von legendären Nächten und besonderen Spielen – und ordnet gleichzeitig die Gegenwart des deutschen Fußballs mit klaren Worten ein. Ein Gespräch über Leidenschaft, Mentalität und die Frage, was im Fußball wirklich zählt.
NUSSBAUM.de:Lust auf WM oder gehen Sie während der Deutschlandspiele lieber einkaufen?
Markus Babbel: Ich habe das tatsächlich schon einmal gemacht – 2006. Die Supermärkte sind komplett leer, aber natürlich werde ich mir die Deutschlandspiele anschauen.
Wenn Sie auf Ihre Zeit in der Nationalmannschaft zurückblicken: Welcher Moment hat sich am stärksten eingebrannt?
Babbel: Da gibt es zwei. Zum einen ein Spiel in Sofia gegen Bulgarien – eine unglaublich starke Mannschaft damals, unter anderem mit Hristo Stoichkov und Jordan Letschkov. Wir haben 2:0 geführt und am Ende noch 2:3 verloren. Trotzdem war das eines der besten Spiele, die ich je gemacht habe. Die Atmosphäre war unfassbar. Und dann natürlich Wembley. Beim ersten Anblick dachte ich: „Was für ein alter Kasten.“ Ich konnte den Mythos überhaupt nicht verstehen. Aber als das Stadion voll war, habe ich es begriffen. Diese Stimmung war außergewöhnlich. Im Halbfinale gegen England waren 60.000 von 65.000 Fans gegen uns – und die Engländer hören einfach nicht auf zu singen. Das war eines der schwierigsten Spiele meiner Karriere. Aber wir haben es geschafft und sind ins Finale gekommen.
Gab es Spiele, die Sie bis heute verfolgen?
Babbel: Verfolgen nicht, aber weniger positiv bleibt die EM 2000. Ich wollte eigentlich nach dem Rücktritt von Berti Vogts aufhören. Und mit Nachfolger Erich Ribbeck als Bundestrainer hatte ich nicht das beste Verhältnis. Alle haben mich belabert und haben mich davon überzeugt, doch weiterzumachen. Das war im Nachhinein ein großer Fehler. Wir sind sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden. Das hätte ich mir sparen können. Da wäre ich lieber einkaufen gegangen, wenn keine Sau im Supermarkt ist.
Welche Geschichten aus der Nationalmannschaft bleiben hängen?
Babbel: Entweder war es Frustsaufen oder Freudesaufen. Dazwischen gab es nicht viel. Nach dem EM-Titel 1996 wurde im Hotel um 23 Uhr die Bar zugemacht. Die Engländer wollten uns wohl heimzahlen, dass wir sie im Halbfinale geschlagen haben. Aber so einfach haben wir es ihnen dann auch nicht gemacht, wir sind auf die Zimmer, haben die Minibars leergeräumt und alles nach unten gebracht. Dann ging es halt dort weiter.
Wie diszipliniert wart ihr denn generell? Eher Vollgas oder voller Fokus?
Babbel: Wir wussten genau, wann es ernst ist und wann nicht. Das zeichnet einen Profi aus. Aber wenn es was zu feiern gab, dann haben wir auch Vollgas gegeben. Wenn du ein ganzes Jahr auf so ein Turnier hinarbeitest, dann hast du dir das auch verdient zu feiern.
Gab es Spieler, die die Disziplin „Vollgas“ besonders gut konnten?
Babbel: Ja, Mario Basler konnte das. Der konnte feiern und trotzdem Leistung bringen. Das konnten nicht viele. Aber wir waren harmlos im Vergleich zu den Generationen davor. Da habe ich Geschichten gehört – die haben es richtig krachen lassen. Ich glaube nicht, dass die heutige Generation noch so feiert. Das ist alles viel professioneller geworden.
Sie sind mit Ihrem „Music Friday“ auf Instagram inzwischen so etwas wie ein kleiner Kult. Was wäre Ihnen lieber: Eine Million Follower oder ein fünfter WM-Titel für Deutschland?
Babbel: Dann nehme ich ganz klar den Titel. Musik ist für mich eine große Leidenschaft, keine Frage. Ich habe riesigen Spaß daran, meine Songs zu teilen und vielleicht dem einen oder anderen auch neue Musik näherzubringen. Aber diese ganze Follower-Thematik – da bin ich vielleicht einfach zu alt dafür. Ich freue mich über jeden, der mir folgt, aber ein Weltmeistertitel für Deutschland, das ist etwas ganz anderes. Das bleibt für immer.“
Wie schätzen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft ein?
Babbel: Also für mich wäre ein Viertelfinale oder Halbfinale ein Erfolg. Man muss die Dinge realistisch einschätzen. Wir haben eine gute Mannschaft, da sind viele talentierte Spieler dabei, die auch auf einem richtig guten Weg sind. Aber es hängt extrem viel davon ab, ob die Mannschaft als Einheit funktioniert. Wir haben Spieler wie Florian Wirtz oder Jamal Musiala, die haben das Potenzial, absolute Weltklasse zu werden. Die können Spiele entscheiden, keine Frage. Aber am Ende reicht das allein nicht. Es funktioniert nur, wenn sich jeder den Arsch aufreißt.
Wenn Sie noch einmal eine WM spielen könnten: Gegen wen würden Sie am liebsten antreten?
Babbel: Ganz klar Argentinien. Gegen die habe ich nie gespielt, das hat mir immer gefehlt. Brasilien habe ich zumindest ein paar Minuten erlebt, aber Argentinien eben nicht. Und ganz ehrlich: Ich finde das Trikot einfach geil. Dieses hellblau-weiß Gestreifte – das hätte ich schon gerne mal nach einem Spiel getauscht. Das fehlt mir in meiner Sammlung. Kaufen will ich es mir nicht, da bin ich zu geizig.
Wenn Sie heute Bundestrainer wären: Was wäre Ihr erstes Motto in der Kabine?
Babbel: Ganz simpel: ‚Geht’s raus und spielt’s Fußball.‘ So wie es Franz Beckenbauer gesagt hat. Mehr brauchst du oft gar nicht. Gerade bei Turnieren sind die Spieler nervös, da ist Druck drauf, da ist Anspannung. Da musst du nicht noch anfangen, alles zu zerdenken und zu verkomplizieren. Manchmal ist weniger mehr. Die Spieler können alle Fußball spielen, sonst wären sie nicht da. Also lass sie spielen – mit Freude, mit Selbstvertrauen.
Was machen Sie aktuell – wie sieht Ihr Alltag heute aus?
Babbel: Ich habe im Moment wirklich großartige Sachen am Laufen. Ich arbeite als TV-Experte, unter anderem für Sat.1. Ich analysiere Spiele, co-kommentiere und bin auch viel in Talkshows unterwegs. Das macht mir riesigen Spaß, weil ich über das sprechen kann, was ich liebe – Fußball. Ich habe keine Verantwortung und werde noch dafür bezahlt – ein Traumjob. Zusätzlich haben ich ein Fußballcamp (BE UNITED CAMPS) gegründet. Zusammen mit Alexander Esswein. Wir hatten in Viernheim direkt 50 Kinder am Start und planen schon die nächsten Stationen. Das Schönste ist zu sehen, wie die Kinder reagieren. Die sind den ganzen Tag draußen, bewegen sich, spielen Fußball – und brauchen kein Handy, kein Tablet. Und genau darum geht es: Freude an Bewegung, Freude am Spiel. Egal ob Anfänger oder Vereinsspieler – jeder ist willkommen und am Ende sollen alle mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.