Die Auswanderung von Personen aus Baltmannsweiler und Hohengehren nach Nordamerika war bereits Thema einiger Beiträge in den „Dorfnachrichten“. Sie ist eine Geschichte von der Hoffnung dieser Menschen auf ein besseres Leben, geprägt von großen Herausforderungen, aber auch neuen Möglichkeiten in einem fremden Land jenseits des Atlantiks.
Reisebüros und Auswanderungsagenten boten Fahrten in die Vereinigten Staaten an. Das belegen zum Beispiel regelmäßig publizierte Anzeigen aus dem Amtsblatt des Oberamts Schorndorf von 1861. Die Hauptrouten der Schiffe führten über die Häfen an der Nordsee, zu nennen sind Bremen und Hamburg, aber auch Bremerhaven wurde zunehmend bedeutsam. Von dort aus legten zunächst Segelschiffe, später vor allem Dampfschiffe in Richtung New York, Baltimore oder New Orleans ab. Je nach Schiffstyp und Wetterbedingungen dauerte die Überfahrt auf den Segelschiffen zwischen sechs und zwölf Wochen, Dampfer benötigten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch etwa zwei Wochen. Ärmere Auswanderer mussten oft Zwischenstopps in englischen Häfen einlegen, um auf günstigere Weiterfahrten zu warten.
Die Atlantiküberquerung war nicht ohne Gefahren, denn immer wieder kam es auch zu Schiffsuntergängen. Als Beispiel soll das Schicksal der „Elbe“ genannt werden: Sie war der erste Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd und gleichzeitig auch des damaligen Deutschen Reiches. Das Schiff wurde seit seinem Stapellauf am 4. April 1881 bis zu seinem Untergang am 30. Januar 1895 auf dem Nordatlantik eingesetzt und erfreute sich unter Auswanderern großer Beliebtheit. Bei der Kollision mit dem britischen Dampfer „Crathie“ in der Nordsee kamen mindestens 332 Personen, die auf dem Weg von Bremerhaven nach New York waren, kamen ums Leben. Die meisten ertranken oder erfroren im Wasser, zirka 200 waren Auswandernde. Nur 13 Besatzungsmitglieder, zwei Lotsen und fünf Passagiere, darunter eine junge Frau, konnten gerettet werden. Ende September 1881, also im Jahr der Indienststellung der „Elbe“, hatte sich übrigens der 22-jährige Hohengehrener Johann Christian Bantel in Bremen an Bord des Schiffes begeben, das nach eineinhalb Wochen am 8. Oktober den Hafen von New York erreicht hatte.
Die wochenlange Fahrt über den Atlantik auf den Segelschiffen erfolgte nicht selten unter katastrophalen Bedingungen. In Rotterdam und anderen Häfen wurden die Passagiere in das Zwischendeck der Segelschiffe gezwängt, die für den Transport von Gütern, aber nicht von Menschen gebaut worden waren. Die Lebensbedingungen an Bord gestalteten sich für die Passagiere auch in späteren Jahren oft hart, denn es herrschten zumeist Enge, schlechte Luft und unhygienische sanitäre Einrichtungen, sodass Krankheiten sich rasch ausbreiten konnten. Die Sterblichkeit war anfangs hoch, sie betraf vor allem Kinder und ältere Menschen. Wie bereits in einem Beitrag in den „Dorfnachrichten“ Nr. 48 vom 28. November 2025 erwähnt, erblickte Anna Dorothea Auwärter, geboren am 4. Februar 1861 in Schlichten als älteste Tochter von Ulrich Auwärter, die neue Heimat nicht. Sie starb „auf dem Meer während der Fahrt nach Amerika auf dem Schiff“, genauere Angaben zu ihrem Ableben fehlen. Privatsphäre gab es aber auch auf den Dampfschiffen nicht, das galt insbesondere für die Passagiere der 3. Klasse, wie man im Bremerhavener Auswandererhaus an der Rekonstruktion eines Schlafsaals dieser Klasse anschaulich sehen kann.
Bei der Annäherung eines Auswandererschiffes an den Hafen von New York sahen die Passagiere zumeist die Freiheitsstatue auf Ellis Island. Auf dieser Insel im Hafengebiet befand sich seit 1892 die berühmte Einwanderungsstation, wo bis zu 12000 Menschen am Tag ankamen. Dort durchliefen die Neuankömmlinge strenge Kontrollen: Sie wurden oft stundenlang von der zuständigen Behörde medizinisch untersucht und nach Namen, Alter, Herkunft, Beruf und finanziellen Mitteln befragt. Kranke und mittellose Einwanderungswillige wurden meistens zurückgewiesen.
Etliche Hoffnungen der deutschen Auswanderer im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich nicht, davon zeugen Biografien von Menschen, die Besucher in einem Raum des Museums auf Ellis Island studieren können: Unzählige Ankömmlinge wurden von den Einwanderungsbehörden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt, viele verschwanden in dem fremden Kontinent jenseits des Atlantiks, ohne eine Spur zu hinterlassen. So mancher Gescheiterter kehrte auch in die alte Heimat zurück. Ob das auch auf Hohengehrener Auswandernde zutraf, wäre eine neue interessante Spurensuche.