
Seit der sogenannten Dritten Pest-Pandemie am Ende des 19. Jahrhunderts ist der Erreger Yersinia pestis auch in den Vereinigten Staaten anzutreffen. Dass es selbst in einem der höchstentwickelten Länder der Erde heutzutage zu Krankheitsfällen wie aus fernster Vergangenheit kommen kann, liegt nicht an einem grundsätzlichen Mangel an Hygiene: Man vermutet, dass der Übertragungsweg hier ein Flohbiss war, jedoch dürfte die eigentliche Ursache in der dortigen Nagetierpopulation zu suchen sein. Die mehr oder weniger unberührte Wildnis, die es in Mitteleuropa praktisch nirgends mehr gibt, birgt auch ein größeres Risiko, mit infizierten Nagetieren direkt oder indirekt in Kontakt zu kommen. Hierbei muss es sich nicht notwendigerweise um Ratten handeln. In Frage kommen beispielsweise auch Eichhörnchen oder Streifenhörnchen.
In historischer Zeit hat es bekanntlich mehrfach auch in Mitteleuropa schwere Pestepidemien gegeben. Insbesondere der „Schwarze Tod“ ab 1347 ist tief in populäre Geschichtsbilder eingezeichnet. Eine kürzlich erschienene Monographie des Historikers Gerhard Fritz wirft allerdings mit guten Gründen die Frage auf, ob die Pestwelle von etwa 1347 Südwestdeutschland überhaupt nennenswert betroffen hat. Eine Bestandsaufnahme der dokumentierten Pestfälle für den Landkreis Calw lieferte bereits eine medizinische Doktorarbeit von Herbert Walz aus den 1950er Jahren (Die Pest im heutigen Kreis Calw, maschinenschriftl. Diss. med. Frankfurt a. M. 1952). Kurios mutet bei dieser Untersuchung an, dass als Therapie gegen die äußerst schwere bakterielle Infektion „ein gutes Lager, […] frische Luft, säuerliche Getränke“ (S. 49) empfohlen werden. „Milch nehmen die Kranken am liebsten.“ (ebd.) Bevor man an den ärztlichen Qualitäten des Autors zweifelt, sollte man sich jedoch klarmachen, dass Antibiotika in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland weitgehend fehlten, auch aufgrund von restriktiven Entscheidungen der Besatzungsmächte. Glücklicherweise war es damals auch nicht mehr erforderlich, die Beulen- und Lungenpest in unserem Land ärztlich zu bekämpfen, so dass die Frage der Therapie für Walz eher theoretisch war.
Seine Arbeit kommt für die Stadt Calw zu dem Ergebnis mehrerer epidemischer Ausbrüche von 1501 bis 1635. Der stärkste von ihnen, mit 772 Opfern der Krankheit, fiel in das Jahr 1635. Hier ist also ein klarer Zusammenhang mit den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges (1634 Zerstörung von Calw!) gegeben, wobei auch der Pestausbruch von 1501 viele Opfer forderte.
Die Dissertation gehört zu den vielen seltenen, oft nicht über den regulären Buchhandel vertriebenen Werken mit Calw-Bezug, die in unserer Dienstbibliothek vorhanden sind. Dieser Teil des Bücherbestandes umfasst zwar keine Archivalien im engeren Sinne des Wortes, doch ist er ein wichtiges Arbeitsmittel vor allem für orts- und landesgeschichtliche Forschungen, ebenso von Fachleuten wie von interessierten Bürgern.
Bernd Brandl, Der Schömberger Pestsarg. Was er uns in diesen Krisenzeiten zu sagen hat, in: Einst & Heute 2024/25, S. 57-71.
Gerhard Fritz, Pest, Krieg, Klima, Wirtschaft. Zur Krise des 14. Jahrhunderts in Südwestdeutschland und seinen Nachbargebieten, Stuttgart: Steiner 2025; kostenlos (Open Access) herunterzuladen unter biblioscout.net/book/10.25162/9783515136747.