Die 1978 eingeweihte Produktionshalle des 1893 als Möbelschreinerei gegründeten Traditionsunternehmens, das zeitweise 600 Mitarbeiter beschäftige und früher Pfalzbaumöbel hieß, ist nur noch ein Haufen Kies. Auf dem abgeräumten Gelände, dessen Dimension erst jetzt sichtbar wird, stand nur noch die mit Eisenoxid dunkel gefärbten Lärchenpaneelen ummantelte und von außen eher unscheinbare Ausstellungshalle, die aufgrund ihrer Optik im Ort manchmal scherzhaft „Eishalle“ genannt wurde.
Mit diesem Schau-Raum hatte sich die Familie Bajak, die das Unternehmen im Jahr 2000 übernahm, den Traum erfüllt, die innovativen Möbelkonzepte im entsprechenden Ambiente vorstellen zu können. Nicht nur in Fachpublikationen wurde die Halle mit ihren von sieben Y-förmigen Holzstützen getragenen 910 Quadratmeter großen Raum überspannenden Deckenkonstruktion gefeiert. Wen es einmal nach Bad Schönborn verschlage, der könne eine architektonische Perle entdecken - mitten im Industriegebiet, hieß es. Die Halle wurde gar mit einer Auszeichnung in der Kategorie Gewerbebauten im Auswahlverfahren für den renommierten Hugo Häring Landespreis bedacht sowie mit einem Best Architecs Award ausgezeichnet. Erinnerungen an eines der Meisterwerke des amerikanischen Star-Architekten Lloyd Wright werden wach, hieß es in der Laudatio. Es gab offenbar nicht nur sogenannte Hidden Champions, also Firmen, von deren internationaler Bedeutung kaum etwas bekannt ist, im Langenbrücker Industriegebiet, sondern auch ein Beispiel zukunftsweisender Architektur und holzbautechnischer Ingenieurskunst.
Kaum ein Bürger war in der Halle, weil es dort keine öffentlichen Veranstaltungen gab. „Was ist eigentlich mit der Halle?“, wurde gelegentlich in den sozialen Netzwerken gefragt, die aber stets unbeantwortet blieb. Quasi einen Kampf gegen Windmühlen startete einzig Architekt Professor Jens Ludloff im fernen Berlin, der die Halle mit Laura Fogarassi-Ludloff geplant hatte. Doch weder auf seine Anfragen beim texanische Investor Hillwood, der laut seiner Website auf der Fläche bis nächsten Herbst ein riesiges Logistikzentrum errichten möchte, um etwas über das Schicksal der Halle zu erfahren, noch beim Landratsamt, ob eine Abrissgenehmigung vorliege, wurden beantwortet. „Da gab es wenig Transparenz“, sagt auch Joachim Balzer, der von seinem Büro seiner Firma im dritten Stock auf die Baustelle schaut. Um den Bau der Halle zu ermöglichen, hatte er seine Parkplätze verlegt. „Wir waren schließlich über Jahrzehnte im guten Einvernehmen mit unseren Nachbarn“, meint er.
Am vorvergangenen Mittwoch rückte der gelbe Bagger einer beauftragten Firma für Industrieabbruch an und es geschah, was eigentlich keiner für möglich gehalten hatte. Ebenso fast unbemerkt hatte der Abriss der erst im Jahr 2022 erstellten, also fast neuen Halle begonnen. „Der Abriss zeigt, wie weit wir noch von einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen entfernt sind. Der Verkauf an auf Logistik-Zentren spezialisierten Immobilienentwickler aus Texas verdeutlicht zudem, welchen geringen Wert wir unseren Lebensorten beimessen“, sagt Ludloff. Für den 1200 qm hoch gedämmten Raum mit einer thermisch aktivierten Bodenplatte und einer hervorragenden Akustik habe es viele Optionen der Weiternutzung gegeben, etwa als Event- oder Werkhalle. Ein Rück- oder Wiederaufbau der vorgefertigten und verschraubten Bauteile wäre möglich gewesen. Dass niemand hätte Verantwortung übernehmen können, möchte er so nicht stehen lassen. Wenn eine Baugenehmigung für das Logistikzentrum vorliegt, muss die Bauverwaltung vom Abriss Kenntnis gehabt haben und bewusst in Kauf genommen haben. Selbst wenn eine Untersagung des Abrisses nicht möglich war, weil keine Genehmigung erteilt werden muss, hätte man zumindest die Halle quasi an „Selbstabholer“ verschenken können.
Es stellt sich die Frage, warum es keinerlei Protest gab. „Uns wurde gesagt, dass die Halle woanders wieder aufgebaut wird und es sogar für die Bodenplatte einen Käufer gibt“, werden nun Stimmen aus der ehemaligen und auch jetzigen Ophelis-Belegschaft laut. Dass die Halle noch stand, als das Gelände schon geräumt war, lässt die Vermutung zu, dass man dieses „Gerücht“ untermauern wollte. Schließlich ist es auch gegen jede Vernunft, eine neue Halle abzureißen und nicht einmal den „Müll“ sortenrein zu trennen. Natürlich kann kein Investor Interesse daran haben, dass es Proteste gegen ein Bauprojekt gibt.
Verkehrsentwicklung
In Bad Lippspringe, einem Kurort etwas größer als Bad Schönborn, wird gerade ein Logistikzentrum des Investors fertig. „Bisher gab es keine Probleme und wir hoffen, je nachdem welche Mieter einziehen, dass Arbeitsplätze entstehen“, heißt es von Seiten der Verwaltung. Anders sieht es in Ellerau im Kreis Segeberg aus. Hier hat die Stadt Quickborn vor dem Verwaltungsgericht Klage gegen den Kreis Segeberg erhoben und die Aufhebung der Baugenehmigung für ein Massenlogistikzentrum der Firma Hillwood in der Gemeinde Ellerau beantragt, die dem Unternehmen 1.600 Lkw-Fahrten pro Tag ermöglichen sollte. Quickborn erwirkte einen Baustopp. Angesichts dieser Entwicklung ist es verständlich, dass man in Bad Schönborn keine schlafenden Hunde wecken möchte. Auch in Langenbrücken sieht man der Verkehrsentwicklung mit Sorge entgegen. Schließlich sind schon jetzt die Anwohner im Industriegebiet Renz durch ein hohes Lkw-Aufkommen hochgradig genervt. Die Ausfahrt zum See ist schon jetzt ein Unfallschwerpunkt.
Die Ophelis-Halle ist nun Geschichte, doch ihre Geschichte wird in Erinnerung bleiben. Dafür möchte Claudia Siegele, Architektin, freie Fachjournalistin und Redakteurin mit dem Schwerpunkt Architektur aus Stettfeld, sorgen. Als Veranstaltungsmanagerin organisiert sie etwa das alljährliche Netzwerktreffen „Baupressekompakt“ von Bauindustrie und Baufachpresse. Fassungslos und den Tränen nah, beobachtete sie am Bauzaun den Abriss eines Gebäudes, über das sie einmal berichtete. „Was hier stattfindet, ist ein Frevel und ein Verbrechen an der Baukultur, an Ressourcen sowie dem Willen, Energie zu schätzen. Hier werden Baustoffe zudem wild durcheinander entsorgt“, sagt sie. Es müsse von hier einen Aufschrei zu einer Kehrtwende geben, dass Abrissgenehmigungen erteilt werden müssen. (cm)

