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Dies und das

Ein ganzes Schulhaus spricht über Anne Frank

Calmbacher Schüler setzen Zeichen gegen das Vergessen Wer in diesen Tagen die Aula der Fünf-Täler-Schule in Calmbach betrat, spürte sofort, dass hier...
Bevor es zur Ausstellung ging, wurde das Thema im Unterricht (hier mit Lehrer Lars Ringwald in der 5c) anschaulich und multimedial vorbereitet.Foto: Maren Moster

Calmbacher Schüler setzen Zeichen gegen das Vergessen

Wer in diesen Tagen die Aula der Fünf-Täler-Schule in Calmbach betrat, spürte sofort, dass hier ein besonderes Projekt Einzug erhalten hat. Überall blieben Schülerinnen und Schüler vor den professionell gestalteten, tiefgründigen Ausstellungsplakaten stehen, lasen aufmerksam und diskutierten miteinander. Unter der zentralen Leitfrage „Warum ist es wichtig, Anne Franks Geschichte zu erzählen?“ setzten sich die Klassen 5 bis 9 aktiv mit der Biografie des jüdischen Mädchens auseinander, das zu den bekanntesten Opfern des Holocaust gehört.

Ein netter Nebeneffekt: Zwei Standorte rücken zusammen

Die Resonanz im Schulhaus war enorm – und das Projekt hatte ganz nebenbei einen erfreulichen Effekt auf die Schulgemeinschaft. Insgesamt 60 Neuntklässler aus allen drei Klassen des Jahrgangs waren an der Ausarbeitung beteiligt. Das Besondere: Dadurch kamen die Jugendlichen der beiden Schulstandorte miteinander ins Gespräch. Während die Schüler aus der Höfener Straße und der Jahnstraße im normalen Schulalltag kaum Berührungspunkte haben, bot das gemeinsame Projekt eine perfekte Plattform für den Austausch.

Für zwei Tage blieb die aufwendige Plakatausstellung in der Aula aufgebaut, bevor sie sorgfältig verstaut wurde. Das Ziel ist klar: Auch im nächsten Schuljahr sollen die Materialien wieder hervorgeholt und ausgestellt werden.

Vom abstrakten Geschichtsbuch zur greifbaren Realität

Hinter der Aktion steckt ein beachtlicher Aufwand. Unter der federführenden Organisation von Katharina Gormanns, Lehrerin für Religion und Geschichte, investierten die Neuntklässler drei komplette Doppelstunden, um das historische Material aufzuarbeiten. „Das Thema war anfangs gar nicht greifbar für die Jugendlichen“, berichtet Gormanns aus der Praxis. „Erst als es konkret um die Person Anne Frank ging, wurde das Ganze nahbar.“

Die Ausstellung selbst zeichnete den Lebensweg der Familie Frank chronologisch nach und machte die historische Tragödie an einer konkreten Biografie fest. Sie führte die Schüler von Annes Kindheit in Deutschland (1929–1934) und der erzwungenen Flucht der Familie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten über die ersten Jahre in Amsterdam (1934–1939), wo die Familie versuchte, sich eine neue Existenz aufzubauen, bis hin zu dem Moment, als Annes Leben in Gefahr (1940–1942) geriet, nachdem die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzte und auch dort antisemitische Gesetze erließ.

Besonders still wurde es vor den Tafeln, die das Leben im Versteck (1942–1944) im Amsterdamer Hinterhaus beschrieben, wo Anne ihr weltberühmtes Tagebuch schrieb, gefolgt von den letzten Monaten (1944–1945), die von der Entdeckung, der Deportation und dem tragischen Tod von Anne und ihrer Schwester Margot im Konzentrationslager Bergen-Belsen handelten.

Wie intensiv die Vorbereitung auch in den jüngeren Klassen lief, zeigte sich in der Klasse 5c. Religionslehrer Lars Ringwald fühlte seinen Schülern vorab auf den Zahn: Was wisst ihr eigentlich über Anne Frank? Die Antworten der Fünftklässler bewiesen ein beachtliches Fundament. Sie erzählten von Hitler, vom Weltkrieg und davon, dass sich das Mädchen mit ihrer Familie hinter einem Bücherregal vor den Soldaten verstecken musste. Auch dass ihr Vater Otto Frank als einziger der Untergetauchten überlebte und später die Tagebücher fand, war manchen Kindern bereits bekannt.

Aktuelle Bezüge und eigene Erfahrungen

Beim anschließenden Besuch in der Klasse 6c von Geschichtslehrer Martin Eldracher schlug das Projekt schnell den Bogen in die Gegenwart. Die Ausstellungsplakate widmeten sich schließlich auch der Bedeutung des Tagebuchs nach 1945 und zeigten auf, dass die Nazis neben Jüdinnen und Juden auch viele andere Gruppen verfolgten.

Die Sechstklässler stellten hierzu kritische Fragen, die weit über das historische Faktenwissen hinausgingen: „Gibt es eigentlich heute noch Nazis?“, oder „Was genau ist überhaupt ein Nazi?“. Im Unterricht wurde verdeutlicht, dass Ausgrenzung und Diskriminierung nicht erst in den Geschichtsbüchern beginnen, sondern oft schon im Kleinen und im heutigen Alltag zutage treten.

Wie nah das Thema Flucht und Verfolgung der Lebensrealität einiger Kinder an der Schule tatsächlich ist, machte Konrektorin Tanja Insinna deutlich: „Kinder mit Fluchterfahrung haben wir auch hier in der Schule. Die fühlten sich an ihre eigene Flucht erinnert und haben mit ihren Mitschülern darüber gesprochen.“ So wurde die Geschichte von Anne Frank für viele zu einer Brücke, um über ganz aktuelle, persönliche Schicksale im eigenen Klassenzimmer zu sprechen.

Gleichzeitig mahnte Insinna zur pädagogischen Fingerspitzenkraft. Es sei gut und richtig, dass der direkte Besuch einer KZ-Gedenkstätte erst für die neunten Klassen auf dem Lehrplan steht. Für die ungeschönte Konfrontation mit den Gräueltaten der NS-Zeit bräuchten die Jugendlichen schlichtweg eine gewisse Reife.

Hintergrund: Wer steckt hinter dem Anne Frank Tag?

Die Aktion in Calmbach ist Teil einer großen Bewegung in ganz Deutschland. Den Anne Frank Tag gibt es seit 2017. Er findet jedes Jahr rund um ihren Geburtstag am 12. Juni statt. Dieses Jahr feiert der Aktionstag unter dem Motto „Geschichte erzählen“ zehnjähriges Jubiläum. Mit 843 Schulen und über 126.000 Jugendlichen gibt es dieses Mal sogar einen neuen Rekord.

Organisiert wird das Ganze vom Anne Frank Zentrum in Berlin. Der gemeinnützige Verein wurde 1994 gegründet – damals, um eine Ausstellung aus Amsterdam nach Berlin zu holen. Inzwischen ist das Zentrum der feste deutsche Partner des berühmten Anne-Frank-Hauses in Amsterdam. Der Verein hat eine feste Ausstellung in Berlin, reist aber auch mit Wanderausstellungen durch ganz Deutschland.

Das große Ziel des Zentrums: Es will Geschichte lebendig machen. Kinder und Jugendliche sollen aus der Vergangenheit lernen und das Wissen mit ihrem eigenen Alltag verbinden.

Damit die Schulen die Aktionstage leicht umsetzen können, schenkt das Berliner Zentrum ihnen jedes Jahr jede Menge Material. Dazu gehören unter anderem die großen Plakate, eine eigene Schulzeitung, Hefte für die Lehrer und digitale Extras wie Audio-Guides oder Videos in Gebärdensprache. Wer mehr wissen möchte, findet alle Infos unter www.annefranktag.de. (mm)

Erscheinung
exklusiv online
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
15.06.2026
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