Am 11. April 2026 jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers KZ Buchenwald zum 81. Mal. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft und internationale Gäste versammelten sich an der Gedenkstätte auf dem Ettersberg, um der Opfer des NS-Terrors zu gedenken und die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten. Die Gedenkfeier stand auch in diesem Jahr im Zeichen der Verantwortung, die aus der Geschichte erwächst – für Demokratie, Menschenwürde und ein entschiedenes Eintreten gegen jede Form von Ausgrenzung und Extremismus.
Die beeindruckende Hauptrede von Hape Kerkeling geben wir hier im Wortlaut in vier aufeinanderfolgenden Artikeln wieder*. Am Ende des ersten Teils, den Sie im Mitteilungsblatt der letzten Woche nachlesen können, sagte Kerkeling:
„Hier liegt eine der bittersten historischen Lehren: Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss; sie beginnt dort, wo Menschen nur noch Nummern in einer Statistik sind, wo das Mitgefühl der Buchhaltung weicht und das Gewissen der sinnentleerten Gehorsamspflicht.“
Heute Teil 2:
„Als mein Großvater hier heute vor 81 Jahren, 1945, befreit wurde, war er 44 Jahre alt. Körperlich ein gebrochener Mann, geplagt von Krankheiten, die ihn nie wieder verlassen sollten; von einer tiefen Müdigkeit, die keine Nachtruhe der Welt heilen konnte. Eine echte Wiedergutmachung hat er nie erhalten; man hat ihn nach dem Krieg mit ein paar Mark abgespeist. Und das Bitterste: Die Aufhebung seines Unrechtsurteils wegen ,Hochverrats' hat es zu seinen Lebzeiten nie gegeben. In den Augen der Bürokratie blieb der Verfolgte ein Vorbestrafter.
Aber das Schwerste für uns als Familie war sein bleiernes Schweigen. Dieses dröhnende Schweigen war wie eine Mauer aus Glas, die seine Seele umgab.
Wir – seine Familie – konnten ihn sehen, aber wir konnten ihn nur selten erreichen. Vielleicht wollte er uns schützen? Er wollte nicht, dass die grausame Kälte und der blinde Hass dieses Ortes in unsere warme Wohnstube in Recklinghausen kriecht. Und vielleicht wusste er auch: Die Vorwürfe gegen die Nazi-Schergen waren so unfassbar, dass ein normal fühlender Mensch sie zunächst bezweifeln musste.
Viele der Überlebenden der Nazi-Diktatur haben für sich den Weg des Schweigens gewählt. Das mag uns Erben eine Ahnung vom Horror des Durchlebten geben. Es war und ist unbeschreiblich und unsagbar.
Wir, die Bürger der Bundesrepublik Deutschland, tragen keine Schuld an den Taten von damals. Aber wir tragen die Verantwortung für die Konsequenzen dieser Taten im Hier und Jetzt.“
*Abdruck mit Genehmigung von Hape Kerkeling.
Nächste Woche folgt Teil 3.
(Katrin Coch)