
In einem Hochberger Nachlass fand sich nun ein weiteres Foto des jüdischen Friedhofs aus den dreißiger Jahren. Auf der Ostmauer des Friedhofs sitzen Albert und Irma Fischer, die Kinder von Gotthilf Fischer, der später in den sechziger Jahren den Friedhof pflegte und den wir in den letzten Wochen schon mit seinen Erinnerungen an die letzten Hochberger Juden vorgestellt haben. Im Hintergrund sieht man den Neckar und Neckargröningen, weil der heutige Hangwald noch nicht vorhanden war. Das Bild bestätigt erneut die These von Ulrike Sill, die die Dokumentation des Friedhofs 2003 veröffentlichte, dass es 1945 nicht gelang, den Friedhof nach der Zerstörung in der NS-Zeit korrekt wiederherzustellen. Hinter den Kindern sieht man fünf helle, gleich große Grabsteine. Heute stehen an dieser Stelle nur vier Steine. Vor Ort kann man feststellen, dass der linke Stein fehlt, sich aber noch das Fundament für den Stein im Boden befindet. Zwei Meter weiter links und versetzt findet man den Grabstein des Aldinger Juden Isak Wormser (1778-1854), der in Größe und Machart den vier vorhandenen Steinen entspricht und dessen Standfläche exakt auf das freie Fundament passen würde. Offensichtlich wurde dieser Stein in der NS-Zeit nicht nur umgestoßen, sondern – wie andere Steine – den Neckarhang hinuntergeworfen. Vermutlich war 1945 das Friedhofsgelände völlig zugewachsen, und das ursprüngliche Fundament wurde beim Rücktransport nicht gefunden. Ganz rechts auf dem Foto sieht man den Grabstein des Stuttgarter Juden Meir Kaulla (1757-1823), Sohn der Hoffaktorin „Madame Kaulla", mit einer sehr ausführlichen hebräischen Inschrift. Er steht heute an derselben Stelle, genauso wie der Grabstein von Dreyna Löwenthal (gest. 1804) aus Aldingen rechts neben Irma Fischer. Heute nicht vorhanden ist der Grabstein links neben dem von Meir Kaulla und der Stein vor dem Grab Kaullas. Bei letzterem könnte es sich um den Grabstein von Abraham Levi (1758-1809) handeln, der heute an der westlichen Friedhofsmauer lehnt, weil er 1945 nicht zugeordnet werden konnte. Auf dem Grabstein befindet sich im Feld über der Inschrift eine Levitenkanne als Zeichen der Zugehörigkeit zum Stamm Levi. Die Kanne kann man auf dem alten Foto erahnen und auch die Umrahmung des Inschriftenfeldes auf dem Foto ähnelt dem Grabstein von Abraham Levi. Levi stammte aus Haigerloch und war von 1801 bis 1809 Vorsänger, Schächter und Lehrer der jüdischen Gemeinde in Hochberg.
Aber nicht nur Grabsteine verschwinden: Vom Baum links neben Albert Fischer vor den fünf hellen Grabsteinen findet sich heute keine Spur mehr. Entlang der Ostmauer gab es einen Weg, der zu den Feldern südöstlich des Friedhofs führte. Heute ist er fast vollständig von Brombeeren und Efeu zugewachsen. Die genaue Position des Fotografen des alten Bildes kann man heute nicht mehr einnehmen.
Kai Buschmann
Beth Shalom – Haus des Friedens. Verein für Erinnerungs- und Friedensarbeit in Remseck e.V., www.bethshalom-remseck.de, info@bethshalom-remseck.de


