
In der Bahnhofstraße tut sich etwas. Dort, wo früher Schulranzen und Zeitungen verkauft wurden, kündigen Plakate an den Schaufenstern eine baldige Neueröffnung an und versperren neugierigen Passanten leider die Sicht nach drinnen. Gleichzeitig hört man ein Raunen im Ort: Die beiden Winzerinnen Lea Siegrist und Elina Holzmüller wollen in den Räumen des ehemaligen Schreibwarengeschäfts Sandholzer eine Vinothek eröffnen.
Die Weingartener Woche und NUSSBAUM.de hatten Zugang zu den für die Öffentlichkeit noch geschlossenen Räumlichkeiten und sprachen mit den beiden mutigen jungen Frauen:
NUSSBAUM.de: Elina und Lea, man hört ja schon seit einigen Wochen von Euren Plänen. Nun scheint es konkret zu werden, Ihr kündigt einen baldigen Eröffnungstermin an. Auf was genau dürfen sich die Einwohner Weingartens freuen?
Elina Holzmüller: Zunächst wollen wir Wein verkaufen – Wein aus Trauben, die ausschließlich in den Reblagen unserer Gemarkung gewachsen sind und die wir mit unseren Familien selbst kultiviert haben.
NUSSBAUM.de: Geht es dabei um den Erhalt von Tradition?
Lea Siegrist: Sicherlich auch. Natürlich ist Wein eine sehr emotionale Angelegenheit. Gleichzeitig wird jedoch immer deutlicher, dass bei den gegenwärtigen Auszahlungspreisen der Genossenschaften die örtlichen Weinbaubetriebe nicht existieren können. Wir müssen daher verstärkt auch einen größeren Teil der Wertschöpfungskette selbst übernehmen. Dies fängt bei der Weinherstellung an, setzt sich über die Vermarktung fort und endet im Idealfall beim Ausschank in die Gläser.
NUSSBAUM.de: Man soll hier also nicht nur Wein kaufen, sondern auch genießen können?
Holzmüller: Das ist unser Ziel. Gleichzeitig machen wir jedoch die Erfahrung, wie sehr motivierte Start-ups durch Überreglementierung und starre Prozesse gebremst werden. Baurechtlich müssen wir für die Umwandlung des Schreibwarenladens in eine Vinothek eine Nutzungsänderung beantragen. Die genauen Auflagen und Voraussetzungen für die Genehmigung erfahren wir jedoch erst nach Antragstellung im laufenden Verfahren. Dies erschwert die Planung. Hinzu kommen weitere Hürden im Zusammenhang mit Lebensmittelrecht, Brandschutz und Barrierefreiheit.
NUSSBAUM.de: Mit welchen Weinen wollt Ihr starten?
Siegrist: Mit dem Jahrgang 2025.
NUSSBAUM.de: Das sind ja gute Voraussetzungen, der 2025er Jahrgang ließ ja für die Winzer keine Wünsche offen.
Holzmüller: Wir hatten zum Ende hin etwas Druck, wegen der einsetzenden Niederschläge die Lese zum Abschluss zu bringen, aber davon abgesehen lieferte das letzte Jahr wirklich gute Qualitäten.
NUSSBAUM.de: Und welche Rebsorten kommen nun zum Verkauf?
Holzmüller: Wir haben am vergangenen Montag die sogenannte Cuveetierung, also die Feinabstimmung der drei Weine, durchgeführt. Obwohl wir den Inhalt der Gläser nicht konsumiert haben, war es eine ganz schön herausfordernde Angelegenheit, insgesamt 14 Proben zu beurteilen, die feinen Nuancen herauszuschmecken, gleichzeitig bei klarem Verstand zu bleiben und dabei und dabei nicht nur den eigenen Favoriten, sondern auch den Kunden im Blick zu haben, dem der Wein am Ende auch schmecken soll. Zur Abfüllung kommen nun ein Grauer Burgunder und ein Spätburgunder Rosé feinherb, hinzu noch eine kleine Besonderheit.
NUSSBAUM.de: In welcher Form?
Siegrist: Es gibt noch einen Weißwein Cuvée. Als kleinen Dank an unsere Väter, die uns bis hierher geführt haben und die uns mit Rat und Tat begleiten, haben wir deren Lieblingsweine zusammengefügt. Dies sind der Weingartener Weißburgunder und der Weingartener Chardonnay, das Resultat ist eine sehr harmonische Mischung der beiden Burgundersorten.
NUSSBAUM.de: Also eine vielversprechende Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit?
Holzmüller: Das hoffen wir.
NUSSBAUM.de: Wollt Ihr auch online vermarkten?
Holzmüller: Wir wollen und werden tatsächlich sämtliche Verkaufswege nutzen. Die Homepage mit der Vertriebsseite ist im Aufbau, aber man kann uns genauso eine E-Mail oder eine WhatsApp-Nachricht in den Weinberg schicken und uns sogar auf der Bahnhofstraße persönlich ansprechen, um ein paar Flaschen zu bestellen.
NUSSBAUM.de: Es soll also ein wenig dörflich und zugleich unkompliziert zugehen. Welches Preissegment wollt Ihr bedienen?
Siegrist: Mit den Discounterpreisen können und wollen wir auch angesichts rasant steigender Treibstoff-, Dünger- und Arbeitskosten nicht mithalten. Die Flasche Wein oder das Viertele in unserem geplanten Ausschank sollen aber auch für die Weingartener Normalverdiener noch bezahlbar bleiben. Regionalität bedeutet für uns Nähe und nicht zuletzt auch gegenseitiges Verständnis zwischen Erzeuger- und Verbraucherseite. Daher ist für uns der Mittelweg zwischen Supermarkt und Nobelvinothek genau richtig.
NUSSBAUM.de: Und soll Euer Angebot auf Wein alleine beschränkt bleiben?
Holzmüller: Nicht unbedingt. Wir denken in diesem Zusammenhang an die Vermarktung eigenen Traubensafts, von Traubengelee und Destillaten. Darüber hinaus bieten die Verkaufsräume an der Ecke von Bahnhof- und Karlstraße Platz für weitere lokale Erzeugnisse. Wir sind gerne zu jeder Form der Zusammenarbeit mit weiteren Weingartener Erzeugern bereit.
NUSSBAUM.de: Kann man schon eine Prognose für den Jahrgang 2026 wagen?
Siegrist: Ganz sicher noch nicht. Bei den derzeit niedrigen Temperaturen verzögert sich der Austrieb. Dies ist durchaus von Vorteil, weil damit die Gefahr durch Spätfrost etwas reduziert wird. Mehr lässt sich im Moment jedoch noch nicht sagen.
NUSSBAUM.de: Dann hoffen wir gemeinsam auf einen guten Weinjahrgang 2026 und auf etwas Wohlwollen der für die Genehmigungen zuständigen Behörden.
Das Gespräch mit den Winzerinnen Lea Siegrist und Elina Holzmüller führte unser freier Mitarbeiter Matthias Görner.
