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Wie der Wahlkampf damals lief

Ellen Kleiber war erste Bürgermeisterin von Weingarten

Ellen Kleiber wurde 1985 zur ersten Bürgermeisterin von Weingarten gewählt. Im Interview blickt sie auf diese Zeit zurück.

Bürgermeisterwahlen sind seltene Ereignisse. Nur alle acht Jahre sind in Baden-Württemberg die Einwohner einer Gemeinde dazu aufgefordert, das Amt des Verwaltungschefs neu zu besetzen. Bis zum Jahr 1975 existierte in unserem Bundesland überdies eine Besonderheit: Wurde ein Bürgermeister ein zweites Mal gewählt, so betrug seine Amtszeit mitunter endlos erscheinende zwölf Jahre.

Mit entsprechendem Interesse verfolgen daher die Einwohner Weingartens das derzeit laufende Rennen um das Amtszimmer in dem historischen Rathaus am Marktplatz. Der Frage, wie sich der Charakter einer lokalen Wahlkampagne in den letzten Jahrzehnten verändert hat, will die Weingartener Woche in diesem Gespräch mit Ellen Kleiber nachgehen. Frau Kleiber hat sich im Jahr 1985 als erste Frau um das Amt einer Weingartener Bürgermeisterin beworben.

NUSSBAUM.de: Liebe Ellen, im Gegensatz zu heute traten 1985, also vor etwas mehr als vierzig Jahren, bei den Bürgermeisterwahlen in Weingarten sieben Kandidaten an.

Ellen Kleiber: Das ist richtig. Ein Bewerber hat jedoch bereits in einer frühen Phase seine Teilnahme zurückgezogen, somit verblieben noch sechs Wettbewerber um das Amt des Bürgermeisters.

NUSSBAUM.de: Und wie genau kam es zu Deiner Kandidatur?

Kleiber: Ich erinnere mich noch sehr genau an die Versammlung unseres Ortsverbands im Clubhaus der Fußballvereinigung in der Waldbrücke. Es ging um eine mögliche Unterstützung des Bewerbers Rolf Koch. Der damalige Vorsitzende Wolfgang Bock stellte unvermittelt die Frage, warum wir uns für einen externen Kandidaten aussprechen sollen, wenn wir doch selbst eine bestens geeignete Person haben. Dabei schaute er mich an. Ich fiel aus allen Wolken. Bis zu diesem Moment war mir der Gedanke einer Kandidatur völlig fremd gewesen.

NUSSBAUM.de: Wie ging es dann weiter?

Kleiber: Nachdem sich der Ortsverband für mich entschieden hatte, musste ich natürlich zunächst mit meiner Familie die Sache besprechen. Die Bewerbung einer Frau um das Bürgermeisteramt war vor vierzig Jahren keineswegs alltäglich. Aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar waren alte Rollenklischees noch fest verankert. Auch war es um die Gleichstellung noch nicht so gut bestellt wie heutzutage, zum Beispiel konnte eine Frau ohne die Unterschrift ihres Ehemannes kein Bankkonto eröffnen.

NUSSBAUM.de: Und wie hat der Familienrat entschieden?

Kleiber: Sowohl mein Mann als auch meine beiden Söhne haben sofort zugestimmt und mir ihre Unterstützung zugesagt. Anschließend formierte sich mit Elke Jordan und Wolfgang Bock ein kleines, aber zugleich hoch motiviertes Wahlkampfteam. Eine unserer ersten Aktivitäten war eine Informationsfahrt mit Wolfgang Bock zu einer bayerischen FDP-Bürgermeisterin in der Gemeinde Seefeld im Kreis Starnberg. Sie bestärkte mich in meiner Entscheidung und gab mir sehr wertvolle Tipps. Frau Ingeborg Bäss war damals die einzige weibliche Bürgermeisterin in Bayern. Sie setzte sich bei ihrer Wahl gegen einen CSU-Bewerber durch. Im Falle meiner Wahl wäre ich die erste weibliche Bürgermeisterin in Baden-Württemberg gewesen, in der Bundesrepublik Deutschland neben 8.600 männlichen Kollegen die 50. weibliche Rathauschefin.

NUSSBAUM.de: Internet und soziale Medien waren vor vierzig Jahren noch völlig unbekannt. Wie lief eine Wahlkampagne ohne diese heute selbstverständlichen technischen Mittel ab?

Kleiber: Ganz einfach – auf althergebrachte Weise. Im Vordergrund standen dabei Versammlungen, Informationsstände und persönliche Gespräche, aber natürlich ging es nicht ohne „Printmaterial“. Unsere Gedanken und Texte brachte ich auf einer IBM-Kugelkopfschreibmaschine zu Papier. Dieses Rohmaterial wurde sodann von dem Grafiker Benno Treiber aufbereitet, gesetzt und optisch gestaltet. Von dort ging es dann weiter in die Druckerei.

NUSSBAUM.de: Wurde auch plakatiert?

Kleiber: Ja natürlich, aber nicht auf den heutigen Hohlkammerplakaten, bei uns wurde noch geklebt und gekleistert.

NUSSBAUM.de: Zentrales Ereignis jeder Vorwahlzeit ist sicherlich die persönliche Vorstellung der Bewerber. Diese fand in der Weingartener Walzbachhalle statt. Wie hast Du Dich auf diesen Abend vorbereitet?

Kleiber: Ganz ehrlich gesagt, brachte mich diese Veranstaltung an meine persönlichen Grenzen. Ich war damals eine junge Mutter von 44 Jahren und hatte noch nie vor einem so großen Publikum gesprochen. Manchmal stellte ich mir im Vorfeld die Frage, wie und warum ich in diese Sache reingerutscht bin. Natürlich bereitete ich mich intensiv auf diesen Wettbewerb vor und ließ mich auch professionell beraten, wie man so eine Vorstellung angeht. Trotzdem war ich furchtbar nervös.

NUSSBAUM.de: So ganz schlecht kannst Du es nicht gemacht haben, immerhin konntest Du im ersten Wahlgang ein Ergebnis von 17,4 Prozent der Stimmen erreichen. Wie ging es dann weiter?

Kleiber: Nach der Stimmenauszählung begannen für meine Familie und mich sehr belastende Tage. Ich wurde von verschiedenen Seiten regelrecht bedrängt, meine Bewerbung zugunsten eines Wettbewerbers zurückzuziehen. Weingarten war damals wirklich sehr politisiert. Für mich war jedoch die Fortsetzung meiner Kandidatur nicht zuletzt auch eine Frage der persönlichen Glaubwürdigkeit. Ich war nicht angetreten, um zu taktieren. Solche Machenschaften waren mir fremd.

NUSSBAUM.de: Wie es dann ausging, wissen wir. Aus dem zweiten Wahlgang ging Klaus-Dieter Scholz als Sieger hervor. Du warst nach wie vor Gemeinderätin, nur unter neuem Vorsitz. War Deine Kandidatur eine Belastung?

Kleiber: Nein, auf gar keinen Fall. Herr Scholz hat mich zu meinem Wahlerfolg beglückwünscht und ich habe ihm in einem persönlichen Schreiben eine konstruktive Zusammenarbeit zugesichert. Man konnte damals gewisse Dinge noch sportlicher sehen als heute.

NUSSBAUM.de: Kannst Du ein persönliches Résumé aus der damaligen Wahlkampfzeit ziehen?

Kleiber: Man bewegt sich in einer solchen Phase in einem Grenzbereich. Gleichzeitig macht man eine Vielzahl an Erfahrungen, die einem im späteren Leben zugutekommen. Aus heutiger Sicht bin ich nach wie vor stolz auf meinen persönlichen Einsatz für die Gleichstellung und die Rechte der Frauen. Deshalb finde ich es auch bemerkenswert und als einen kleinen Wink des Schicksals, dass die anstehende Bürgermeisterwahl ausgerechnet am 8. März, also am Weltfrauentag, stattfindet. Wer weiß, vielleicht bekommt Weingarten ja irgendwann doch noch eine Frau als Bürgermeisterin. Ebenfalls freut es mich sehr, dass mit dem mittlerweile fest etablierten Weingartener Wochenmarkt ein ganz zentrales Wahlkampfthema aus der damaligen Zeit Wirklichkeit wurde. Aber wir wissen ja alle: Manche Dinge brauchen bei uns in Weingarten einfach etwas länger …

Das Gespräch mit Ellen Kleiber führte unser Freier Mitarbeiter Matthias Görner.

Erscheinung
Weingartener Woche
Ausgabe 07/2026
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
11.02.2026
Orte
Weingarten (Baden)
Kategorien
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