
Der Wieslocher Diplompsychologe Wolfgang Widder hat die Lebensgeschichte des aus Walldorf stammenden Juden Kurt Klein erforscht und 2022 dazu ein Buch mit dem Titel „Kurt Klein, eine biografische Skizze“ veröffentlicht
Widder war im Rahmen der diesjährigen „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ in den Bürgersaal des Alten Rathauses eingeladen worden, um dieses Buch vorzustellen, außerdem berichtete er über neue Erkenntnisse, die sich dazu inzwischen herausgestellt haben. Begleitet wurde er dabei von Dr. Anette Hettinger, Lehrbeauftragte im Fach Geschichte an der Pädagogischen Hochschule, und Dr. Anja Schüler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am „Heidelberg Center for American Studies“.
Kurt, 1929 in Walldorf geboren und aufgewachsen, wird 1937 von den Eltern zu seinem Schutz in die USA geschickt, der Bruder folgt ein Jahr später. Ihnen selbst gelingt die Flucht nicht mehr, sie werden zusammen mit anderen Juden aus Baden und der Pfalz im Oktober 1940 in ein Lager in der Stadt Gurs deportiert, das am Rand der Pyrenäen im unbesetzten Frankreich liegt. Zwei Jahre später werden sie von den Deutschen zurückgeholt und in Auschwitz ermordet.
Kurt wird im November 1942 in die amerikanische Armee aufgenommen und erhält eine Ausbildung in psychologischer Kriegsführung und Verhören. Er kommt als „Ritchie Boy“ nach Deutschland zurück, wie man junge deutsche und österreichische, meist jüdische Soldaten mit dieser Ausbildung nannte. Am 7. Mai 1945 begegnet er an der bayrisch-tschechischen Grenze Gerda Weismann, die zu einer Gruppe von ursprünglich 2000, jetzt noch 120 völlig entkräfteten jüdischen Frauen gehört, die einen viermonatigen Todesmarsch hinter sich haben. Gerda ist am Ende ihrer Kräfte. Sie hat weiße Haare, ist krank und ausgemergelt und wiegt nur noch 31 Kilogramm. Er bringt sie in ein amerikanisches Lazarett, wo sie sich nach und nach erholt.
Kurt verliebt sich in sie und seine Zuneigung trägt wesentlich zu ihrer Genesung bei. Nach der Überwindung bürokratischer Hindernisse heiratet das Paar in Paris und lässt sich in Buffalo im Bundesstaat New York nieder. Aus der Verbindung gehen zwei Töchter und acht Enkelkinder hervor. Gerda beschreibt das ihr zugefügte Leid durch die Nationalsozialisten in ihrer Biografie „All but my life“, die in den USA zum Klassiker der Holocaust-Literatur wird. Die deutsche Übersetzung erschien erstmals 1999 unter dem Titel „Nichts als das nackte Leben“. Kurt bekommt auf einer Vortragsreise seiner Frau nach Guatemala am 21. April 2002 einen Herzinfarkt und stirbt. Gerda, 1924 im polnischen Bielitz geboren, lebt noch bis April 2022 in Phoenix, Arizona, als hochgeschätzte Autorin zahlreicher Publikationen.
Widder berichtete, dass in Wiesloch und Umgebung mehr als zwanzig Lehrkräfte im Unterricht weiterführender Schulen dieses Thema behandeln. Dazu habe er Koffer mit Arbeitsmaterialien und Büchern verteilt, was sehr hilfreich gewesen sei. Besonders gut komme das Buch an, in dem in Form von Comics die „Geschichte von Gerda und Kurt“ erzählt wird. Dies konnten eine Schulleiterin und eine Geschichtslehrerin im Publikum bestätigen. Inzwischen hätten Familienangehörige der Kleins in den USA über 400 Briefe von Kurt gefunden, die die Eltern an ihre beiden Söhne zuerst noch aus Walldorf und dann aus Gurs geschrieben hatten. Sie werden zurzeit von den beiden Referenten Hettinger und Schüler, unter Mithilfe von Studenten ausgewertet und für Unterrichtszwecke aufbereitet. Von beiden war zu erfahren, dass die Briefe wertvolle Informationen über das Leben der jüdischen Bevölkerung unter dem Nazi-Terror enthielten.
Für Hettinger war es darüber hinaus Anlass nachzuforschen, welche Gemeinsamkeiten zwischen der jüdischen Gemeinde in Walldorf und denen im benachbarten Baiertal und in Malsch gab. Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 lebten die jüdischen Mitbürger vollkommen integriert in ihren Heimatorten. Sowohl die Synagogen als auch ihre Wohnhäuser befanden sich mitten in den Gemeinden. Infolge der Hetze und Diffamierung durch die NSDAP und SA wurden sie aber immer mehr ausgegrenzt. Eine weitere Eskalation war die Reichspogromnacht am 9. November. 1938, als in den genannten Gemeinden die Synagogen geplündert, zerstört und angezündet wurden. Auffällig war, dass die direkten Aktionen jeweils von auswärtigen SA-Männern angeführt wurden, die Aufräumarbeiten am nächsten Tag von den Einheimischen. Damit begann die systematische Vertreibung und anschließend die industrielle Vernichtung jüdischer Menschen, die zynischerweise als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnet wurde. (aot)