Die beiden Vorstandsmitglieder Dietmar Kocher und Michael Gülcher von der Fußballvereinigung Weingarten äußern sich zur WM und zu den Chancen des deutschen Teams. Doch neben Vorfreude äußern sie auch kritische Töne. Vor allem die hohen Preise und die Aufblähung der WM stoßen sauer auf.
Dietmar Kocher (57, Vorstand Verwaltung) und Michael Gülcher (57, Vorstand Sport) haben zusammen mit vielen weiteren, fleißigen Vereinsmitgliedern im Mai bei der Fußballvereinigung Weingarten ein dreitägiges Sportfest auf dem Vereinsgelände am Lärchenweg gestemmt und kennen sich in der Organisation eines Turniers bestens aus. Die beiden gleichaltrigen, langjährigen Funktionäre freuen sich jetzt auf die anstehende Weltmeisterschaft, sehen die langen Reisen zu den Austragungsstädten und die überteuerten Ticketpreise aber durchaus kritisch.
Michael Gülcher ist seit 2018 in der Verwaltung des Kreisligisten tätig und hat früher beim KSC von der F-Jugend bis zu den Amateuren die Kickstiefel geschnürt. Der selbstständige Unternehmer einer Versicherungsagentur in Weingarten wohnt in Blankenloch. Seine Kinder hatten bei den Bambinis der Fußballvereinigung angefangen – und er übernahm in der Folge als Trainer Verantwortung im Verein.
Vorstandsvorsitzender Dietmar Kocher ist eigentlich Kampfsportler, stammt ursprünglich aus Schwaben, hatte mit Fußball eher weniger am Hut und kam erst durch seinen Sohn als Bambini-Trainer zur Fußballvereinigung. Gleichwohl ist er neben seinem Engagement beim Weingartener Fußballverein auch KSC-Mitglied und inzwischen mit Herzblut Vereinsfunktionär in seinem Wohnort Weingarten.
NUSSBAUM.de: Die WM findet in drei verschiedenen Ländern statt. Ein Versuch wert, oder sollte das Turnier doch besser in nur einem Land stattfinden?
Michael Gülcher: Ich finde es nicht gut, dass dieses Turnier in drei Ländern stattfindet, schon wegen der vielen Reisen und logistischen Herausforderungen. Ein fester Standort wäre für alle Teams, Funktionäre und Fans das Beste. Leider ist inzwischen alles Kommerz und die FIFA diktiert das Geschehen. Zu viele Mannschaften, zu viel Politik und Stress. Die Gewinnmaximierung steht leider an erster Stelle, der Sport ist zum Nebenschauplatz verkommen. Jeder sollte die Chance haben, ein WM-Spiel zu sehen, und wenn ich mir die absurden Preise für Tickets oder Transporte zu den Spielorten anschaue, ist dies nicht mehr im Sinne des Sports. Wenn ein Fußballfest nur noch für die oberen Zehntausend und einen kleinen Kreis in Frage kommt, läuft einiges falsch und ist sehr grenzwertig. Fußball ist eine tolle Sportart und sollte für alle zugänglich sein. Man hat das Gefühl, dass es alle vier Jahre noch schlimmer wird. Sehr, sehr schade.
Dietmar Kocher:Fußball in drei Ländern halte ich prinzipiell nicht für optimal. Eine WM sollte in einem Land stattfinden, zumal sich diese Nation auch der Welt präsentieren kann. Dieses Turnier der weiten Wege ist zu groß und zu lang. Ein Fan möchte auch Land und Leute kennenlernen, so wie es früher war. Das alles geht, wie auch die Qualität mit 48 Teams, verloren. Es geht lediglich um Geld, Macht und Politik und ist nicht nachvollziehbar. Für mich als jemand, der an der Basis arbeitet und der auch gerne ins Stadion geht, sind dies politische Machtspielchen. Der Fußball entfernt sich immer weiter aus der Mittelschicht, denn die Top-Events werden an den Meistbietenden verkauft. Fußball sollte für alle Gesellschaftsschichten bezahlbar sein. Dies sehen wir heutzutage weder bei einer WM noch in der Champions-League. Eine katastrophale Entwicklung.
NUSSBAUM.de: Wie steht es um den Stellenwert der Nationalmannschaft und Spieler. Sind sie Vorbilder unserer jugendlichen Fußballer?
Gülcher: Die Nationalelf eines Landes steht über allem.Schön wäre natürlich, wenn unsere Jugend ihre Vorbilder bei der ersten Mannschaft unseres Vereins sehen würden, doch ist natürlich klar, dass die Nationalspieler im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Dass auch alle Profis aus der Bundesliga eine gewisse Vorbildfunktion fürs Leben, auch im sozialen Bereich, haben, ist gut und wichtig. Ich selbst bin seit vielen Jahren KSC- und Dortmund-Fan. Auf europäischer Bühne mag ich den FC Barcelona.
Kocher:Vorbilder sind schon eher die großen, bekannten Spieler die man aus den Stadien oder vom Fernsehen kennt. Es sind auch nicht nur deutsche Nationalspieler, sondern Spieler aus der Champions League. Da kann man alle bekannten Namen aufzählen, wie man an den Trikots der jugendlichen Fußballer sehen kann. Meine Kinder können hier problemlos die Namen der PSG-Profis nennen und wer zum Beispiel links in der Abwehr spielt, bei der deutschen Nationalmannschaft wird es schon schwieriger. Vorbilder sind sie alle, wobei der Bezug zum regionalen Fußball nach meiner Einschätzung ein wenig verloren geht. Dass der Weg in den Profisport für einen heutigen Jugendspieler ein langer ist und ihn nur wenige schaffen, ist bekannt.
NUSSBAUM.de: Wie stehen die Chancen des deutschen Teams bei der WM?
Gülcher: Oh,ein schwieriges Thema, bei dem man sich auch unbeliebt machen kann. Ich schätze andere Mannschaften wie Spanien, England oder Argentinien im Moment stärker ein. Auch die üblichen Verdächtigen, zu denen auch Brasilien zählt, gehören für mich zum Favoritenkreis. DFB-Bundestrainer Julian Nagelsmann sehe ich eher kritisch. Es gibt keine klare Linie, eine eingespielte Stammformation ist nicht zu sehen. Doch ich lasse mich gerne positiv überraschen und würde mich mega freuen, wenn wir sehr weit kommen sollten. 1990 war ich beim WM-Finale in Rom live dabei und weiß noch gut, was es bedeutet, den WM-Pokal in die Höhe zu stemmen.
Kocher: Die deutsche Mannschaft hat sicher eine Außenseiterchance. Wenn sich keiner verletzt und Schlüsselspieler wie Jamal Musiala oder Florian Wirtz in Topform sind, kann es ein Stück weit gehen. Viertelfinale oder sogar Halbfinale wären fast eine Sensation. Die Vorrunde sollten sie auf jeden Fall überstehen. Wenn wir dann im Achtelfinale scheitern, wäre das für mich auch keine allzu große Überraschung. Natürlich gehört auch ein bisschen Losglück dazu.
NUSSBAUM.de: Wer wird Weltmeister?
Gülcher: Da muss vieles passen und zusammenkommen. Ich traue der deutschen Mannschaft das Viertel- oder Halbfinale zu, keine Frage. Mein Wunsch als Patriot wäre Deutschland, doch mein Tipp ist Spanien – oder Frankreich.
Kocher: Es gibt sicher einige Nationen, die aktuell die Nase vorn haben. Bei Curaçao wird es eng und sie werden wahrscheinlich nicht den Titel holen, doch Spanien gefällt mir, auch von der Struktur her, sehr. Die Engländer haben gute Spieler, wobei man sehen muss, ob sie diese Qualität auch auf den Platz bringen und die Südamerikaner, beispielsweise Argentinien, wollen auch vorne mitmischen. Nicht zu vergessen Frankreich mit ihrem großen Potential an Weltklassespielern, wobei das Trainerteam dort die verschiedenen Charaktere der Spieler unter einen Hut bringen muss. Dies war schon immer ein Problem bei unseren Nachbarn.
Das Interview führte Hans-Joachim Of.



