Am Samstag, 11.04.2026, starteten über 20 gut gelaunte und interessierte Personen bei herrlichem Frühlingswetter am Hof der Familie Ehrler zur Grenzstein-Tour „Rund um Binsheim“.
Wanderführer Manfred Juretzko gab zunächst eine kurze geschichtliche Einführung: Seit dem späten Mittelalter findet man Belege für die Vermarkung von Besitztümern und Hoheitsgebieten mit Steinen. Für die Gemarkung Jöhlingen liegen erste Grenzbeschreibungen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts vor. Anhand einer Karte von 1884 zeigte er die Jöhlinger Gemarkung auf: die Gemarkungsgrenze umfasst etwa 24 km, mit rund 450 Gemarkungssteinen (die einzeln dokumentiert sind), von denen über 200 noch auffindbar sind. Viele davon weisen Jahreszahlen zwischen 1738 und 1844 auf. Trotz ihres hohen Alters haben sie in der Regel noch ihre rechtliche und vermessungstechnische Bedeutung. Die systematische Vermessung Badens erfolgte nach 1806, angeregt durch den „Rheinbegradiger“ Johann Gottfried Tulla, mit der von Großherzog Karl-Friedrich genehmigten Triangulierung (Dreiecksmessung). Die Vermessungsarbeiten dienten zum einen zur genauen Kartierung des Landes, zum anderen zum Aufbau eines Katasters zur gerechteren Besteuerung von Grund und Boden. Aufbauend auf dem Vermessungsgesetz von 1852 erfolgte dann zunächst die Vermessung der Gemarkungsgrenzen, später der einzelnen Grundstücke. Diese Arbeiten, bei der ca. 4 Millionen Flurstücke vermessen wurden, bilden die Grundlage unseres heutigen Liegenschaftskatasters!
Die Tour ging zunächst hoch zum Forlenwald und an die Kreisstraße K 3506, an die Grenze zwischen Jöhlingen und Gondelsheim, die bis 1974 auch die Grenze zwischen den damaligen Landkreisen Karlsruhe und Bruchsal war.
Ein herrlicher Blick über die reizvolle Hügellandschaft des Kraichgaus zum Bonartshäuser Hof und nach Gondelsheim – das war der erste Höhepunkt der Tour!
Entlang des Waldes zeigte Manfred etwa zwei Dutzend Grenzsteine, teilweise noch sehr gut erhalten, mit denen die Gemarkung Jöhlingen an Gondelsheim, ehemals Bonartshausen und Obergrombach angrenzte. Sehr schön zu erkennen, wie sorgfältig die Steine von jeweils zwei Seiten bearbeitet sind: Symbol der Gemeinde, laufende Nummer, Jahreszahl.
Gut zu erkennen, dass sich der Waldrand im Laufe vieler Jahre meist nach außen verschoben hat, sodass manche der Steine im Unterholz verborgen und damit auch gut geschützt sind. Nach Verlassen des Waldes und mit Blick auf den „Binsheimer Brunnen“ erinnerte Gerhard Ehrler an die ehemalige Siedlung Binsheim („Binzdan“), in der im Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert über hundert Menschen lebten. Der Weg ging entlang der Grenze zu Obergrombach, fast bis zum „Dreimärker“ mit Weingarten, danach zurück nach Binsheim 9.
Der Abschluss der Tour war am Hof der Familie Ehrler: Anneliese Vollmer stellte einen Zeitungsbericht vor, wonach der junge Kaiser Wilhelm II. am 19.08.1889 mit dem Zug nach Jöhlingen kam und dann ein Manöver der kaiserlichen Truppen im Bereich Bonartshäuser Hof/Obergrombach beobachtete. Gerhard Ehrler gab einen Rückblick über die Entstehung der heutigen Siedlung Binsheim infolge der Flurbereinigung Jöhlingen, die ersten landwirtschaftlichen Aussiedlungen 1961 und den massiven Strukturwandel in der Landwirtschaft bis heute.
Bei Brezel, Hefezopf und Getränken konnten sich die Teilnehmer über die Eindrücke und vielfältigen Informationen der etwa 2,5-stündigen Tour austauschen – über die vielfachen schönen Ausblicke der Landschaft, die Geschichte unserer Region, die Entwicklung des Vermessungswesens. Anhand der Vermessungskarte der Gemarkung Jöhlingen von 1884 konnte auch der Weg durch einzelne Gewanne und Waldabschnitte nachvollzogen werden.
Ein ganz herzliches „Dankeschön“ auf diesem Weg nochmals an Manfred Juretzko für seine hervorragende, informative und sehr kurzweilige Führung! Ein Dank geht auch an Thomas und Anneliese Vollmer für den Pressebericht von 1889. Ein herzliches „Dankeschön“ an Leonore und Gerhard Ehrler für die Bereitstellung des Hofes und den sehr eindrucksvollen Rückblick auf die Geschichte von Binsheim und die Entwicklung der örtlichen Landwirtschaft!
Wir freuen uns bereits auf die nächste Tour, die voraussichtlich im Frühjahr 2027 stattfinden wird.


