
Archaische Lebensfragen hat Regisseur Tobias Maehler in poetisch-kritisches Volkstheater implementiert.
Dürrenmatts tragische Komödie haben die Schauspieler mit Bravour umgesetzt, 130 Minuten wurde das Eislinger Publikum nicht nur gut unterhalten, sondern in den Bann gezogen. Das Stück spielt im fiktiven Ort „Güllen“, heruntergekommen, verarmt und perspektivlos, doch dann kündigt die Multimilliardärin Claire Zachanassian ihren Besuch an.
Die Güllener hoffen auf einen Geldsegen
Alle Antennen sind auf Empfang, die Güllener hoffen auf Unterstützung, auf den großen Geldsegen, den die gebürtige Güllenerin ihnen zukommen lassen könnte. Großer Bahnhof ist geplant, mit Reden und Musik, doch die alte Dame macht den Güllenern einen Strich durch die Rechnung, steigt aus einem Zug, der normalerweise in Güllen gar nicht hält.
Gelbe Kleidung, knallrotes Haar
Mondän ist sie, die alte Dame, ganz in gelb gekleidet, mit knallrotem Haar. Neun Männer hat sie im Laufe der Jahre geheiratet, ist zu großem Reichtum gekommen und dass sie den Geldsegen nicht umsonst unters Volk streuen will, macht sie schnell klar.
Als 17-Jährige hat sie Güllen verlassen, hieß damals Klara Wäscher und war hochschwanger von Alfred Ill, der die Vaterschaft verleugnete, zwei junge Güllener damals zum Meineid anstiftete. Jetzt winkt Claire Zachanassian mit 500 Millionen für das Städtchen und genauso viel will sie auch den Familien zukommen lassen. „Ich will die Bedingung nennen. Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür Gerechtigkeit“, so Zachanassian. Sie fordert, dass jemand Alfred Ill für den Geldsegen tötet und damit der Gerechtigkeit genüge tut.
Nach der großen Volksempörung wendet sich das Blatt, so mancher Güllener scheint zu Geld gekommen zu sein, kauft teure Sachen, trägt gelbe Schuhe. Die Pfarrerin bringt es auf den Punkt: „Flieh, wir sind schwach. Flieh, die Glocke des Verrats dröhnt in Güllen. Flieh, führe uns nicht in Versuchung, indem du bleibst“ , sagt sie zu Alfred Ill. Das Gemeindegericht wird einberufen, verurteilt Ill zum Tod, der sich daraufhin selbst richtet.
Spannung mit Tiefgang und Zynismus
Mit Tiefgang und Zynismus baut das Stück Spannung auf, die acht Schauspieler verkörpern ihre Rollen bravourös und singen, musizieren können sie auch, das stellen sie bei einigen, mit dem Akkordeon begleiteten, Schweizer Volksliedern, übrigens in Schwitzerdütsch gesungen, unter Beweis.
Das Bühnenbild war hervorragend gewählt, die Beleuchtung stimmte und zwischendurch gab`s auch einiges zum Schmunzeln. Selbst das Publikum wurde mit einbezogen, als sich einige Schauspieler sozusagen unters Volk mischten und gemeinsam mit den Gästen applaudierten.
Der Regisseur Tobias Maehler versteht sein Handwerk. Er studierte Schauspiel am New Yorker Lee-Strasberg-Theatre-Institut und an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Bei diesem Stück hat Maehler in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Schaffhausen eine mehr als gelungene Bühnenfassung von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ inszeniert. Die Stadthalle war ausverkauft. irs