
Es hat etwas von einem Familientreffen, wenn Johann von Bülow Texte des Vicco von Bülow alias Loriot liest. Dann sitzt da der eine, der doch mit dem anderen (wenn auch äußerst weitläufig) verwandt war. Vielleicht ist gerade die Verwandtschaft ausschlaggebend für den außergewöhnlichen Abend im Hemsbacher MAX: Weil sich Familie (hin und wieder) versteht, und der Schauspieler Johann daher genau weiß, wie er „Die ganz offenen Briefe“ des Humoristen Vicco mit perfektem Schliff versieht.
Es gibt viel zu erzählen im MAX. Über eine Zeit vor mehr als 60 Jahren, und die von Millionen Menschen gelesene Zeitung Quick. „Das war eine Mischung aus Stern und Praline“, fasst Johann von Bülow deren Inhalt zusammen. Aber immerhin schrieb in ihr Loriot. Er schrieb in seiner Kolumne über Politik und Alltag, über die kleinen wie großen Nachrichten und eine Gesellschaft, die so ganz anders tickte, als die heutige. Oder auch nicht. „Ich bin überrascht, dass Sie im Jahr 2025 so darauf abgehen“, kommentiert Johann von Bülow irgendwann das Lachen seines Publikums in der ausverkauften Kulturbühne. Das schwankt zwischen dem leisen Genießen aller sprachlichen Finesse des Autors und dem sich Biegen vor Lachen angesichts Loriot'scher Überspitzungen. Vor allem aber hängen die Menschen Johann von Bülow an den Lippen. Von der Eröffnung der Briefe mit der „Sehr geehrte Quick“-Einleitung bis hin zur Schlussformel des – durchaus variablen – „hochachtungsvoll Loriot“: Der Schauspieler versteht es fulminant, Witz, Ironie und Satire des so bekannten Humoristen in perfekter Art und Weise nicht einzig zu lesen. Von Bülow drapiert Worte in Betonung und Gestik und setzt dabei die gesamte Vielfalt seiner Stimmfarbe ein.
Wie Loriot beherrscht er dabei das Lakonische – und noch viel mehr beherrscht er die Texte. Liest er Erwiderungen auf Loriots Spitzen, lässt von Bülow Worte im Wiener Schmäh wie im schwäbischen Dialekt tänzeln, setzt sie auch mal hart im russischen Akzent und wenn er berlinert, dann wirkt er, wie Menschen, die berlinern eben wirken: einfach gestrickt. Das alles ist nicht Lust und Laune. Elf Jahre bringt der Schauspieler das Programm bereits auf die Bühne – elf Jahre hat er sich mit den Texten auseinandergesetzt. Von Bülow weiß, wie die Wirkung des Gelesenen unterstrichen werden muss. Und das macht er. Doch noch viel mehr als das zeigt er Loriots scharfe Beobachtungsgabe, seinen Sinn dafür, Absurditäten einer Nachricht satirisch herauszuarbeiten oder auch einfach das Weltgeschehen auf seine humoristische Art zu kommentieren. So schreibt Loriot in einem seiner Briefe von der Militärzeit, die Elvis Presley in Deutschland ableistete, als einer großen Zeit: „Wir haben Elvis, die teuerste Nervensäge der Welt, zu Gast.“ Der Sänger sei die stärkste US-Waffe. Wahlweise würden Hörer nach dem ersten Lied in Ekstase oder Flucht verfallen. „Das Ende der sowjetischen Armee“, meint Loriot trocken.
Untermalt wird die Lesung mit der Einblendung von Cartoons. Die knollen-nasigen Menschen, die später selbst zu Protagonisten etlicher Sketche wurden, sind heute ebenso legendär wie Loriots Humor. Der war für die Zeit der ausgehenden 50er- und beginnenden 60er-Jahre längst nicht jedermanns Sache. „Es gab noch kein Internet, aber einen Shitstorm gab es damals auch schon“, erzählt von Bülow. Er erntet ihn für „Die ganz offenen Briefe“ immer wieder. Letztlich ist es die Empörung der Winzer auf seinen beißenden Spott über die Zuckerung und Versetzung deutschen Weins mit chemischen Stoffen, die ihn 1961 zum letzten seiner dieser Briefe veranlasste. Das Beste aber bewahrt sich Johann von Bülow für den Schluss: Nach der Kontroverse um seine Kolumne wurde Loriot zum Besuch in einem Weinbaugebiet gedrängt. Sein Reisebericht „Wein rein eingeschenkt von Loriot“ wird nur zum Teil die gewünschte Richtigstellung. Vielmehr holt er darin aus zur vollen Breitseite beißender Satire. Und fast meint man zu spüren, wie sehr Johann von Bülow das Lesen dieser Zeilen genießt. Zeilen, die nochmals vortrefflich zeigen, wie sehr sich Schreiber und Interpret verstehen: Jede Pointe ist schlicht en point. Nicht nur in diesem Text. (cs)