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Ein Blick hinter die Kulissen

Hessel-Apotheke: Vielseitiger Beruf in schwierigen Zeiten

Wer eine Apotheke betritt, sieht meist nur den Verkaufsraum. Doch der größte Teil der Arbeit spielt sich im Hintergrund ab.
In der Hessel-Apotheke arbeiten Apotheker, pharmazeutisch-technische Assistentinnen und Verwaltungskräfte Hand in Hand.Foto: LIP

Dr. Lothar Graff, Inhaber der Hessel-Apotheke, gewährte einen Blick hinter die Kulissen – in Räume, die Kundinnen und Kunden sonst nicht zu Gesicht bekommen.

Im Untergeschoss befindet sich ein vollautomatisiertes Warenlager, das dreimal täglich mit neuer Ware bestückt wird. Gleich daneben liegt die Buchhaltung, in der sich unzählige Aktenordner stapeln. Hinter dem Verkaufsraum befindet sich das Labor, in dem Arzneimittelpackungen nach festen Standards auf Unversehrtheit geprüft werden.

Herstellung von Rezepturen

Auch individuelle Rezepturen wie Salben entstehen dort – ein Verfahren, das umfangreiche Dokumentation und Qualitätskontrollen erfordert. „Trotz des Aufwands ist es wichtig, dass Apotheken das können“, betont Graff. Während der Coronapandemie wurden beispielsweise Desinfektionsmittel selbst hergestellt. Auch Zäpfchen oder Fiebersäfte lassen sich bei Knappheit anfertigen.

Lieferketten mit Risiken

Sorgen bereiten Graff die anhaltenden Lieferengpässe. Rund 80 bis 90 Prozent der Wirkstoffe stammen aus China und Indien. Ein einziges Medikament ist oft das Ergebnis einer langen Kette: Herstellung eines Grundstoffs in China, Weiterverarbeitung in Indien, Verpackung in Spanien, Auslieferung nach Deutschland. Fällt ein Glied in dieser Kette aus, etwa wegen Qualitätsproblemen, bricht die Versorgung schnell zusammen.

Graff sieht eine Lösung nur in einer europäischen Strategie mit klaren Vorgaben für die Produktion wichtiger Medikamente. Doch eine politische Einigung hält er auf absehbare Zeit für unwahrscheinlich.

Bürokratie und Alltag

Neben der fachlichen Arbeit ist der Alltag in einer Apotheke auch organisatorisch herausfordernd. Für die 24-Stunden-Rufbereitschaft in der Nacht muss Graff sogar ein Bett in den Räumen vorhalten. Die stetig wachsende Bürokratie zeigt sich in der Vielzahl von Aktenordnern. Und doch sind es die persönlichen Begegnungen, die den Beruf besonders machen: „Wenn Patientinnen und Patienten wiederkommen und sagen, dass ihnen die Beratung geholfen hat – das erfüllt mich“, sagt Graff.

Drei Berufe in einer Apotheke

In einer Apotheke arbeiten verschiedene Berufsgruppen zusammen. Pharmazeutisch-technische Assistenten übernehmen einen großen Teil der Beratung und geben Arzneimittel ab. Verwaltungsangestellte kümmern sich um Einkauf, Buchhaltung und Organisation.

Der Apotheker trägt die Gesamtverantwortung, wofür ein abgeschlossenes Pharmaziestudium erforderlich ist. Graff selbst begann zunächst ein Chemiestudium, wo er auch seine Frau kennenlernte. Durch einen Vortrag eines Industrievertreters im Studium wurde ihr medizinisches Interesse geweckt. Beide wechselten zum Pharmaziestudium und übernahmen schließlich gemeinsam die Hessel-Apotheke von den Schwiegereltern – auch mit dem Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Graff arbeitete nach dem Studium zunächst in der Forschung, seine Frau bereits in einer Apotheke. Als sich die Geburt des zweiten Sohnes ankündigte, entschied sich das Paar für die Arbeit in der eigenen Apotheke.

Wirtschaftliche Unsicherheit

Jungen Menschen den Apothekerberuf zu empfehlen, fällt Graff nicht leicht. Zwar ist der Beruf vielseitig und erfüllend, wirtschaftlich aber zunehmend belastend. Die Vergütung pro Arzneimittelpackung wurde seit 2004 nur einmal angepasst, zuletzt vor etwa zehn Jahren.

Immer mehr Apotheken schließen, während Neugründungen seltener werden. Planbarkeit und wirtschaftliche Sicherheit fehlen, und doch sieht Graff Apotheken weiterhin in einer wichtigen Lotsenfunktion – sofern die Rahmenbedingungen sich verbessern.

Persönliche Erfahrungen

Auch privat kennt Graff die Herausforderungen des Gesundheitswesens. Sein Sohn musste bereits als Baby eine Lebertransplantation durchstehen und erhielt vor kurzem eine weitere. Solche Erfahrungen prägen den Blick auf die Versorgungslage.

In einer persönlich sehr belastenden Zeit müssen die Angehörigen der Patientinnen und Patienten oft bürokratische Hürden und Systemlücken überwinden, um eine lückenlose Versorgung sicherzustellen – während das Klinikpersonal an der Belastungsgrenze arbeitet.

Kritik an Strukturen

Graff ärgert sich über Ineffizienzen im deutschen Gesundheitssystem. Deutschland rutscht im internationalen Vergleich immer weiter ab. Durch strenge Datenschutzauflagen gibt es keine Vernetzung. Daten müssen immer wieder manuell übertragen werden – mit allen möglichen Fehlerrisiken für die Patienten. Es seien zwar ausreichend gut ausgebildete Fachkräfte im Gesundheitswesen tätig, allerdings gehe sehr viel Zeit durch Ineffizienzen und Bürokratie verloren.

Der Staat müsse sich auch „mal etwas trauen“. Eine Verbesserung durch die elektronische Patientenakte sieht Graff nur, wenn auch Apotheken entsprechende Zugriffe bekämen – was aber derzeit nicht vorgesehen ist.

Erweiterte Dienstleistungen

Seit einiger Zeit können Apotheken auch zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen anbieten, was Graff positiv sieht. Dazu gehören die standardisierte Erfassung von Bluthochdruck-Risiken mit der Anleitung zur korrekten Messung, die Überprüfung der richtigen Inhalationstechnik bei Atemwegserkrankungen sowie eine erweiterte Medikationsberatung für Menschen, die viele verschiedene Arzneimittel einnehmen müssen.

Außerdem bieten Apotheken eine spezielle Betreuung für Transplantationspatientinnen und -patienten sowie für Krebspatientinnen und -patienten, die mit oralen Therapien behandelt werden. Ziel dieser Angebote ist es, die Sicherheit der Behandlung zu erhöhen und die Versorgung zu verbessern.

Blick in die Zukunft

Wie bei den Hausarztpraxen steht auch den Apotheken ein Generationenwechsel bevor. Viele erfahrene Apothekerinnen und Apotheker der Babyboomer-Generation gehen in den Ruhestand, Nachfolger sind oft nicht in Sicht. Die wohnortnahe Versorgung könnte dadurch künftig stärker unter Druck geraten.

Trotz aller Herausforderungen schaut das Team der Hessel-Apotheke nach vorn und investiert in die Zukunft: Sie haben die Anerkennung als akademische Ausbildungsapotheke erlangt und ermöglichen Pharmaziestudierenden, ihre praktische Ausbildungszeit dort zu absolvieren. (ch)

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Wieslocher Woche
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Ausgabe 34/2025
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
20.08.2025
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