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Heute stehen Erinnerung und Versöhnung im Vordergrund

Gedenkfeier 80 Jahre Vertreibung aus Ungarn und Ankunft in Neckarzimmern Es ist eine Geschichte, die Familien geprägt hat. Menschen haben ihre Heimat...

Gedenkfeier 80 Jahre Vertreibung aus Ungarn und Ankunft in Neckarzimmern

Es ist eine Geschichte, die Familien geprägt hat. Menschen haben ihre Heimat verloren und in unserer Region eine zweite Heimat aufgebaut. Das jährt sich in diesen Tagen zum 80. Mal. Der Mosbacher Bürgermeisterstellvertreter Manfred Beuchert fasst in seinem Grußwort zusammen: „Ohne die Heimatvertriebenen wäre die Entwicklung Mosbachs, ob in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht, eine andere gewesen.“ Doch wer konnte vor 80 Jahren voraussehen, dass es heute so sein würde? Mit viel Herzblut haben die Gemeinde Neckarzimmern, die Landsmannschaft der Donauschwaben Mosbach und der Heimatverein Pesthidegkut Mosbach die Veranstaltung geplant. Einige haben als Kinder und Jugendliche die Ereignisse der damaligen Zeit noch miterlebt, für andere ist es die Geschichte der Eltern und Großeltern. Bürgermeister Christian Stuber leitet mit seinen Worten in eine Geschichte ein, die nicht nur von Leid erzählt, sondern auch von Zusammenhalt und von der Kraft des Neuanfangs. Eingestimmt vom Blasorchester Hoamtliab und begleitet von der Gesangsgruppe der Donauschwaben folgt der von Anton Kindtner, dem Vorsitzenden der Donauschwaben und des Heimatvereins Pesthidegkut vorgetragene Ablauf der Veranstaltung dem Weg derer, die damals Hals über Kopf und unberechenbar die Heimat verlassen mussten und diese doch niemals vergessen. Stolz tragen viele im Raum die Trachten der alten Heimat. Der Landes- und Bundesvorsitzende der LDU, Joschi Amet, berichtet von vielen, die einfach nur in Frieden leben wollten und deren Leben aus den Fugen geriet, weil Krieg und das Streben nach Nationalstaaten für viele nun Ausgrenzung und Vertreibung bedeuteten. Insgesamt 220.000 mussten die Heimat verlassen. Isabell Mendel greift den Faden auf und erzählt aus den Erinnerungen ihrer Mutter, die damals als Mädchen miterlebte, was der Ausweisungsbefehl für die Familie bedeutete und vom letzten Gottesdienst in der alten Heimat. Ihre Tochter Anabelle Müller erzählt von den kindlichen Erinnerungen der Großmutter. Von einer Zugfahrt in Viehwaggons in eine ungewisse Zukunft und den Ängsten, die ein Kind damals ausstehen musste und für die sich keiner der Erwachsenen Zeit nehmen konnte, da die eigenen Sorgen keine Kraft mehr ließen. Und doch bleibt auch diese Geschichte eine Geschichte der Hoffnung. „Ich sehe die Dunkelheit und glaube an das Licht“, diesen Satz hat die Großmutter zu ihrem Lebensmotto gemacht und er greift auf, was viele im Raum spüren. Die Menschen haben die Hoffnung nicht aufgegeben und mit viel Fleiß und Durchhaltevermögen Neues geschaffen und doch auch die Erinnerungen an das Vergangene bewahrt. Von der Ankunft der Züge in Neckarzimmern und den ersten Tagen berichtet Ursula Staudinger. Die Tochter des Bürgermeisters Georg Hofmann, der damals als junger Mann von 26 Jahren vor der Aufgabe stand, die Menschen – es kamen etwa 35.000 Vertriebene in den Neckar-Odenwald-Kreis, davon 24.000 nach Neckarzimmern – zu empfangen und deren Unterbringung zu organisieren. „Dieses heute für euch alle fremde Land soll euch allen zur Heimat werden“, mit diesem Satz brachte Hofmann damals seine Haltung zum Ausdruck. In einer Heimat, die selbst noch unter den Nachwehen des Krieges litt, sollten die „Neuen“ nicht nur geduldet, sondern willkommen sein. Da, wo heute die Feierlichkeiten stattfinden, standen damals notdürftige Baracken, die ein Ankommen in Würde ermöglichen sollten. Wie genau die Verteilung und Ankunft der Heimatvertriebenen organisiert wurde und wie die Mutter den noch in der alten Heimat zurückgebliebenen Vater finden konnte, erzählt Franz Brandhuber aus seinen Erinnerungen. „Nicht zu gering achten soll man noch heute die am 5. August 1950 unterzeichnete Stuttgarter Charta“, betont Landrat Dr. Achim Brötel. In diesem Schriftstück geht es nicht darum, dass Heimatvertriebene staatliche Leistungen fordern, sondern vielmehr um das Versprechen, durch harte, unermüdliche Arbeit am Wiederaufbau Deutschlands und Europas mitzuwirken. Für Brötel „eines der beeindruckendsten Zeugnisse menschlicher Größe und Lernfähigkeit“, schließlich habe dadurch der Kreislauf von Gewalt und Rache unterbrochen werden können. Daran schlossen sich die Worte des Generalkonsuls von Ungarn Dr. Andras Izsak in Stuttgart an, dessen eigene Geschichte auch selbst Zeugnis der Versöhnung zwischen beiden Ländern ist und der vor allem auf den lebendigen Austausch und das Miteinander der beiden Länder verweist, die durch das Band der Heimatvertriebenen heute gestärkt und nicht belastet werden. Bewegend sind auch die Worte, die Annerose Grasi vorträgt. Es ist das Gebet einer Heimatvertriebenen, das im Zug gebetet wurde und zum Ausdruck bringt, wie schwer der Verlust der Heimat und die Sehnsucht nach Rückkehr dorthin in den ersten Jahren waren. „In einer Zeit tiefgreifender Umbrüche bot der christliche Glaube Trost und Hoffnung“, hatte Stuber bereits zu Beginn der Veranstaltung betont. Diakon Manfred Leitheim und Christina Geiser gaben diesem besonderen Halt Ausdruck im gemeinsamen Gebet und der Fürbitte. Ein Kranz wird noch am selben Abend in Erinnerung an das in den vergangenen 80 Jahren Geleistete und im Gedenken an die Verstorbenen vor dem Haus der Donau abgelegt.

Erscheinung
Mitteilungsblatt der Gemeinde Neckarzimmern
NUSSBAUM+
Ausgabe 21/2026
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Orte
Neckarzimmern