
Von Susanne Hilz-Wagner
Himmlische Stimmen im Großen Haus - Am Montagabend, Anfang März, verwandelte sich das Badische Staatstheater Karlsruhe in einen Tempel barocker Klangschönheit: Im Rahmen der 48. Internationalen Händel‑Festspiele erlebte das Publikum die „Farinelli‑Gala – Die Nacht der Countertenöre“. Es war ein Konzert, das die barocke Vokalmusik in all ihrer Glanzentfaltung präsentierte und die Faszination historischer Stimmen in den Mittelpunkt rückte.
Die Internationalen Händel‑Festspiele gehören zu den wichtigsten Barockmusik‑Festivals Deutschlands. Seit ihrer Gründung 1978 widmet sich das Festival dem vielseitigen Œuvre von Georg Friedrich Händel und verwandten Komponisten. Zwei Wochen lang werden Opern, Konzerte, Kammermusik‑Programme sowie Sonderveranstaltungen aufgeführt, die Tradition und historisch informierte Aufführungspraxis mit künstlerischer Frische verbinden. Ein besonderer Fokus liegt auf außergewöhnlichen Gesangsstimmen und vielfältigen Konzertformaten – so auch auf der spektakulären Gala der Countertenöre, die als festliche Hommage an den legendären Sänger Farinelli die barocke Vokalkunst feierte.
Die Farinelli‑Gala vereinte fünf außergewöhnliche Stimmen, die das Publikum mit ihrer Transparenz, Farbigkeit und Virtuosität verzauberten: Dennis Orellana – Sopranist/Countertenor und erster Preisträger des Farinelli‑Wettbewerbs; Rémy Brès‑Feuillet – Countertenor und zweiter Preisträger; Lidor Ram Mesika – Countertenor/Bariton und Publikumspreisträger; Lawrence Zazzo – international gefeierter Countertenor, bekannt aus Händels Oper Rinaldo; Bruno de Sá – brasilianischer Sopranist, dessen Lichtstimme strahlende Höhen ins Große Haus brachte. Countertenöre sind Männer mit außergewöhnlichem Stimmumfang: Sie singen in Lagen, die ansonsten mit Alt, Mezzosopran oder Sopran assoziiert werden. Manche Stimmen bewegten sich in gleißend hohen, fast schwebenden Registern. Andere zeichneten sich durch samtigere, tiefere Countertenor‑Farben aus – ein Spektrum, das von strahlend hellem Klang bis zu warmem Bariton‑Farbton reichte. Dieses klangliche Wechselspiel verlieh dem Abend eine dramatische Tiefe und himmlische Leichtigkeit zugleich. Ihre Töne wirkten wie Engelsstimmen aus himmlischen Gefilden – licht, klar und gleichzeitig von berührender Wärme durchdrungen. Jeder Ton schien den Raum anzuleuchten, jede Phrase entfaltete eine poetische Farbigkeit, die das Publikum in eine andere Welt entführte. Am Ende des Konzerts brach das Publikum in stehende Ovationen aus. Die Sänger wurden für eine Zugabe zurück auf die Bühne gerufen.
Die Gala bot keine strenge Opernhandlung, sondern ein konzertantes Mosaik aus Arien, Ensembles und Orchesterstücken, das die Stimmen der Countertenöre in all ihren Facetten zeigte: Glanzvolle Händel‑Arien, etwa „Non son sempre vane larve“ (Arminio) und „Come nube che fugge“ (Agrippina), in leidenschaftlichen Interpretationen; „Verdi prati“ (Alcina) und „Aure, deh, per pietà“ (Giulio Cesare) mit feinster Barock‑Koloratur; virtuose Koloraturen und expressives Lamento in „Fammi combattere“ (Orlando) und „Nel profondo“ (Orlando Furioso); Höhepunkte aus Porporas „Germanico in Germania“ in mehrstimmigen Passagen mit allen Sängern. Zwischen den vokalen Höhepunkten bereicherte ein Orchester den Abend, das den barocken Klangkosmos lebendig machte und die solistischen Stimmen einfühlsam umriss – ein Zusammenspiel von vokaler Strahlkraft und instrumentaler Eleganz.
Im Zentrum der musikalischen Begleitung stand das renommierte Karlsruher Barockorchester, das auf historischen Instrumenten spielte und die barocken Werke mit stilistischer Finesse und lebendiger Agogik interpretierte. Besondere Aufmerksamkeit erhielten die Cembalopartien, die das harmonische und rhythmische Gerüst für die Sänger bildeten und feine Verzierungen in den Arien ermöglichten. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Luca Quintavalle, der sowohl das Orchester dirigierte, als auch am Cembalo agierte. Quintavalle ist ein international tätiger Dirigent, Pianist und Cembalist, bekannt für seine Arbeit in historisch informierter Aufführungspraxis. Sein virtuoses Spiel und präzises Dirigat gaben den Countertenören den idealen Rahmen, unterstützten die dynamischen Nuancen der Stimmen und führten das Ensemble zu einem vollkommenen barocken Gesamterlebnis.
Die Farinelli‑Gala im Badischen Staatstheater war ein Abend voller klanglicher Pracht, technischer Brillanz und emotionaler Tiefe. Die himmlischen Stimmen der Countertenöre, die virtuose Begleitung des Karlsruher Barockorchesters und die einfühlsame Leitung am Cembalo durch Luca Quintavalle verschmolzen zu einem einzigartigen Erlebnis. Das Publikum dankte mit begeistertem Applaus, stehenden Ovationen und einer Zugabe, die den Zauber des Abends noch einmal intensiv nachhallen ließ. Ich habe diesen wunderbaren Abend mit den schon fast himmlischen Stimmen auf jeden Fall sehr genossen. Herzlichst, eure „Weiße Frau vom Turmberg“.


