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Holocaust-Gedenktag in Dossenheim am 27. Januar 2026 im Rathaussaal – ein Rückblick

Über 80 Menschen waren zu einer bewegenden Gedenkveranstaltung in den Rathaussaal gekommen und erlebten berührende Wort- und Musikbeiträge. Dagmar...
Blick von hinten auf das Publikum.

Über 80 Menschen waren zu einer bewegenden Gedenkveranstaltung in den Rathaussaal gekommen und erlebten berührende Wort- und Musikbeiträge.

Dagmar Schülke (Querflöte) und Ulf Baus (Piano) entführten mit vier Händel-Sonaten in die melodische Schönheit und emotionale Intensität des Barocks. Bürgermeister David Faulhaber und Rainer Loos führten für die Gemeinde und die Initiative Stolpersteine in das Vortragsthema des Abends ein: „Hannah Ahrendts Besuch in Deutschland 1949 aus heutiger Sicht“, vorgetragen von dem Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Müller-Commichau.

Bürgermeister Faulhaber dankte der Initiative Stolpersteine für die Ausgestaltung und Durchführung dieser Gedenkveranstaltung. Der Holocaust dürfe sich NIE WIEDER wiederholen und für Antisemitismus sei in Deutschland kein Platz. Er erinnerte an Müller-Commichaus eindrucksvollen Hannah-Arendt-Vortrag 2024.

Für die Stolperstein-Initiative erinnerte Rainer Loos zunächst an das Gedenken im Vorjahr: die Umbenennung eines Teils des Bahnhofsplatzes in „Oppenheimer-Platz“. Er dankte dem Gemeinderat für das einstimmige Votum für diese Umbenennung und ebenso dem Volksbank-Vorstand als Eigentümerin des Platzteils zwischen Bank- und Postgebäude für die sofortige Zustimmung. Ein wichtiger Baustein der Dossenheimer Gedenk- und Erinnerungsarbeit ist auch Bürgermeister Faulhabers Initiative gewesen, die jährlichen drei Gedenktage 27. Januar (Befreiung des Lagers Auschwitz), 22. Oktober (Deportation der jüdischen Bevölkerung Badens und der Pfalz) und 9. November (Pogromnacht 1938) in gemeinsamer Verantwortung von Gemeinde und Bürgerschaft zu organisieren. Das Publikum applaudierte spontan.

Loos weiter: „Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus, ein bundesweiter gesetzlich verankerter Gedenktag seit 1996 in Deutschland, bezogen auf den 27. Januar 1945, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs.“

Er zitierte sodann aus einer Gedenkrede des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert im Deutschen Bundestag:

„Wir gedenken an diesem Tag der Entrechteten, Gequälten und Ermordeten: der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen verschleppter Slawen, der … Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer die die nationalsozialistische Idee zu Feinden erklärt und verfolgt hatte. Wir erinnern auch … an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten oder anderen Schutz und Hilfe gewährten.“

Die Idee für den heutigen Tag, so Loos, entstand während eines Besuchs der Ausstellung zu Gurs im Mannheimer Marchivum. Nach dem ergreifenden Rundgang durch die Ausstellung und den nur schwer zu ertragenden Texten und Bildern der Deportation von 6.500 jüdischen Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs und ihrer elenden Unterbringung im Lager endete die Ausstellung an einem Plakat mit einem Zitat von Hannah Arendt. Sie bereiste im Auftrag einer jüdischen Organisation 1949/1950 die Bundesrepublik Deutschland.

Hannah Arendts Besuch in Deutschland 1949 aus heutiger Sicht

Über diese Reise hatte Hannah Arendt einen Essay geschrieben: „Besuch in Deutschland. Die Nachwirkungen des Naziregimes“. Das Zitat aus dem Essay hat Loos erschüttert und gefragt: „Wie sehen wir das heute, was Hannah Arendt damals schrieb?“ Der seit einigen Jahren in Dossenheim lebende Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Müller-Commichau war bereit, Antworten auf diese Frage zu geben.

Die Gemeinderätin Helga Waller-Baus trug nun das Zitat vor: „Doch nirgends wird dieser Alptraum von Zerstörung und Schrecken weniger verspürt und nirgendwo wird weniger darüber gesprochen als in Deutschland. Überall fällt einem auf, dass es keine Reaktion auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt. Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen, den öffentlichen Gebäuden und Brücken, die es gar nicht mehr gibt. Und die Gleichgültigkeit, mit der sie sich durch die Trümmer bewegen, findet ihre genaue Entsprechung darin, dass niemand um die Toten trauert; sie spiegelt sich in der Apathie wider, mit der sie auf das Schicksal der Flüchtlinge in ihrer Mitte reagieren oder vielmehr nicht reagieren. Dieser allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall aber die offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch nur das auffälligste äußerliche Symptom einer tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und es zu begreifen.”

Prof. Dr. Müller-Commichau stellte nun in seinem Vortrag zunächst kurz die Biographie von Hannah Ahrendt vor (Deutschland, Flucht nach Frankreich, später in die USA, dann ihr Besuch 1949). Er fuhr fort: „Nun also wieder Deutschland, entsandt und finanziert von einer internationalen Hilfsorganisation, die sie beauftragte, nach jüdischen Kulturgütern zu suchen, die mittelfristig an die früheren Besitzer zurückgegeben werden könnten. Von August 1949 bis März 1950, also mehr als 4 Jahre nach den letzten kriegerischen Kampfhandlungen, kurz nach Gründung der Bundesrepublik, reiste sie durch ein immer noch weitgehend zerstörtes Land – und war entsetzt von ‚Gefühlsunfähigkeit‘ und ‚Flucht vor der Wirklichkeit‘, die sie bei vielen Deutschen wahrnehmen musste. Aus jedem ihrer Worte spricht Erstaunen und Unverständnis. Beides können wir bis heute teilen. Doch wie lassen sich die benannten Phänomene deuten, wenn wir sie heute, mit dem Abstand von mehr als 75 Jahren, zu analysieren versuchen?“

Müller-Commichau bot für diese verstörenden Wahrnehmungen Arendts drei Erklärungsansätze an: Verdrängung, mangelnde emotionale Kompetenz und Täter-Opfer-Umkehr. Verdrängung nennt die Psychoanalyse den Abwehrmechanismus, bei dem unangenehme, schmerzhafte oder tabuisierte Gedanken und Gefühle ins Unbewusste verschoben werden, um das psychische Gleichgewicht zu schützen. Emotionale Kompetenz, so Müller-Commichau, „ist die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, die Welt mit den Augen der anderen zu betrachten. Das betraf spätestens in der zweiten Hälfte der 12-jährigen NS-Diktatur in besonderem Maße Haltung und Verhalten gegenüber Juden.“ Und dieses „Defizit“ schien uneingeschränkt in der nachkriegsdeutschen Bevölkerung fortgewirkt zu haben, denn „die Juden“ waren auf nachhaltige Weise zu „Anderen“ gemacht worden, die kein wirkliches Lebensrecht mehr hatten.

Zum Dritten lässt sich das feststellen, was wir heute eine „Täter-Opfer-Umkehr“ nennen: „Auch wenn Menschen Anderen in massivster Weise Leid zugefügt haben, neigen sie dazu, sich spätestens dann vorrangig als Opfer wahrzunehmen, wenn sie zu den Betroffenen kriegerischer Handlungen zählen, die sie selbst ausgelöst haben: als die Bomberflotten der Alliierten deutsche Städte zerstörten, haben sich die Bombardierten nur mehr als Leidtragende und nicht als unendlich viel Leid Auslösende gesehen. Und auch die Millionen jüdischer Opfer des Holocaust, einer systematisch durchgeführten Vernichtung jüdischen Lebens, waren den Deutschen, mit denen es Hannah Arendt in den Jahren 1949/1950 zu tun hatte, kaum mehr eine Erwähnung wert.“

Müller-Commichau fordert nun „eine Aufmerksamkeits-Kultur, eine Kultur, die das Leiden anderer bemerkt und für das Bemerkte passende Worte findet. Es geht um Mitgefühl, das es zuzulassen gilt, verbunden mit der Bereitschaft, nicht ganz schnell wieder in unseren Alltag abzutauchen, sondern innezuhalten und, wo das angemessen erscheint, auch mitzutrauern.“

Auch mehr als 80 Jahre müsse es nach der Befreiung von Auschwitz möglich sein, „die Millionen Juden zu betrauern, die im Auftrag deutscher Menschen ermordet wurden – ohne dass im selben Atemzug der Blick auf die politischen Geschehnisse im Nahen Osten heute gerichtet wird.“ In diesem Kontext ist in der Tat seit Jahren eine fatale Täter-Opfer-Umkehr im Gange, die alten, antijüdischen und antisemitischen Hass-Projektionen ein neues Projektionsfeld eröffnet.

Und weiter: „Unsere Aufgabe als politisch wie historisch bewusste Staatsbürger des Jahres 2026 besteht darin, das Leiden und Sterben jüdischer Menschen im Holocaust niemals zu vergessen oder zu relativieren, stattdessen alles, aber wirklich alles zu unternehmen, damit sich etwas dem Holocaust Vergleichbares niemals wiederholt.“ Dann bestehe die Chance, dass in diesem Lande nie wieder über die von Hannah Arendt bemerkte brutale Weigerung deutscher Menschen geklagt werden müsse, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und es zu begreifen.

Die Veranstalter verwiesen am Ende auf die Möglichkeit, im April mit Prof. Dr. Müller-Commichau ausführlich über Hannah Arendt zu diskutieren: in einem Gesprächskreis im Rahmen des VHS-Programms im Ratssaal, dreiteilig, gebührenfrei, jeweils mittwochs von 18.00 bis 20.30 Uhr, und zwar am 8., 15. und 22. April.

Text Rainer Loos, Fotos: Alex (1), Rainer Loos (1)

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Gemeinde-Nachrichten Dossenheim
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Ausgabe 06/2026
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