Die Katholiken haben ihre Hubertusmesse. Die Protestanten kennen keine Messe. Sie feiern stattdessen den Hubertusgottesdienst. Am Samstag, 15. November, 17:00 Uhr, konnten die Besucher des Gottesdienstes in der Klosterkirche Maulbronn die verschiedenen Stücke der Jagdhornbläser Mühlacker und Heimsheim hören.
Für Liebhaber der Jagdhornmusik und Jäger findet in der Klosteranlage Maulbronn jedes Jahr im Herbst ein besonderes Ereignis statt. Im Klosterhof des Weltkulturerbes hat zunächst das „Strecke legen“ stattgefunden. Am Ende einer Jagd wird das erlegte Wild auf einer rechteckigen Fläche ausgelegt. Das Wild liegt auf einem Bett aus Tannen- oder Fichtengrün auf der rechten Seite. Es ist eine Ehrenbezeugung gegenüber dem Wild und Dank für den Jagderfolg. Kreisjägermeister Dieter Krail gab interessante Erläuterungen über das ausgelegte Wild. Dazwischen wurde die Strecke von den Jagdhornbläsern Mühlacker verblasen. Denn fast zu jedem erlegten Tier gibt es eigene Signalstücke.
Danach strömten die Besucher in die Klosterkirche. Sie war wie jedes Jahr voll besetzt. Diesmal wurde der Gottesdienst im „Livestream“ direkt übertragen. Wer den Gottesdienst nicht besuchen konnte, kam so dennoch in den Genuss des musikalisch gestalteten Hubertusgottesdienstes. Zunächst haben die Mühlacker Bläser mit einer Kombination aus ihren kleinen Fürst Bless Hörnern und großen Parforcehörnern „Einzug“ geblasen. Angeführt von Pfarrer Hans Gölz-Eisinger schritten die Heimsheimer Bläserinnen und Bläser mit geschulterten Parforcehörnern durch den Gang in den Altarraum. Pfarrer Gölz-Eisinger begrüßte die Kirchenbesucher. Danach waren die Heimsheimer Bläser mit ihrem ersten Stück „Introduktion“ (Einführung, Einleitung) an der Reihe. Dem Eingangsgebet folgte das Stück „Kyrie“ (Herr erbarme Dich) und nach der Schriftlesung „Gloria“ (Ruhm, Herrlichkeit).
In der folgenden Predigt stellte Pfarrer Gölz-Eisinger fest, dass in der Bibel der Begriff Jagd nach heutigem Verständnis nicht vorkommt. Außerdem sei das erlegte Wild in unserer Gesellschaft nicht mehr nötig, um satt zu werden. Durch Massentierhaltung und industrielle Verarbeitung wäre der Respekt vor den geschlachteten Tieren verloren gegangen. Jäger würden den Tieren in ihrem Jagdrevier jedoch immer noch mit Achtung und Respekt begegnen. Pfarrer Gölz-Eisinger zog Parallelen zu der bekannten Bibelstelle (Lukas 5, 1-11), in der Jesus den Fischer Simon Petrus auffordert, nochmals die Netze auszuwerfen, obwohl bisher nichts gefangen werden konnte. Petrus sei in diesem Sinne auch Jäger gewesen, nicht im Wald und in der freien Wildbahn, sondern im Wasser.
Nach dieser anschaulichen, eindringlichen, aber auch kritischen Predigt stimmten die Heimsheimer Bläser „Sanktus“ (Heilig) an. Auf das Gebot folgte „Agnus Dei“ (Lamm Gottes) und auf das gemeinsame Gebet, dem Vaterunser, sind die raumfüllenden mächtigen „Glocken“ erklungen. Noch raumfüllender war jedoch das Lied „Großer Gott, wir loben Dich“, welches die Gemeinde gemeinsam mit den Bläsern erklingen ließ. Nach Abkündigung und Segen haben zum Schluss die Mühlacker Jagdhornbläser „Auszug“ geblasen. Pfarrer und Heimsheimer Bläser verließen die Klosterkirche durch den gleichen Gang, durch den sie gekommen waren.
Auch Besucher, die sonst wenig mit Religion und Kirche anfangen können, waren sicherlich von den vorgetragenen Stücken beeindruckt. Der Predigt von Pfarrer Gölz-Eisingen konnten wahrscheinlich auch Religionsskeptiker in vielen Punkten zustimmen. Dass alle Kirchenbesucher zum Gebet aufgestanden waren und vielleicht das „Vaterunser“ zumindest still mitgebetet haben, zeigt, wie Rituale Gemeinschaft stiften können – wenn vielleicht auch nur für kurze Zeit. [W. R. Kaiser]


