Am frühen Abend des 16. Juni fand der dritte und leider letzte Vortrag des Kreisarchivars Manfred Waßner anlässlich einer kleinen Vortragsreihe statt, an deren Ende am 9. Oktober im Kulturzentrum die Präsentation eines neuen Heimatbuches für beide Gemeindeteile stehen wird. Ort des Vortrags war diesmal wieder das Bürgerhaus in Hohengehren, wo alle verfügbaren Plätze um 19 Uhr vom Publikum besetzt waren. Nach den obligatorischen kurzen Begrüßungen durch den Bürgermeister Simon Schmid und das Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins Werner Lang entführte Waßner die Zuhörerschaft auf den Schurwald vor mehr als 200 Jahren. Er spannte dabei den Bogen von der Entwicklung Württembergs unter seinen Herrschern Friedrich und Wilhelm zu Beginn des 19. Jahrhunderts über die Lebensverhältnisse der Bevölkerung in Baltmannsweiler und Hohengehren in der damaligen Zeit hin zur Abwanderung vieler Menschen aus den beiden Dörfern ab der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg.
Die Anfänge des Königreichs Württemberg sind eng mit der hegemonialen Politik des französischen Kaisers Napoleon I. verbunden. Zuerst Herzog, dann Kurfürst und seit dem 1. Januar 1806 König, befand Friedrich sich anfangs in einer Art Zwickmühle zwischen Reichstreue und Bündnis mit Napoleon. Es gelang ihm aber, stets auf die Siegerseite zu wechseln, so während der Völkerschlacht bei Leipzig Mitte Oktober 1813, als die württembergischen Truppen zur antifranzösischen Allianz überliefen. Auf diese Weise vermochte er sowohl sein Territorium als auch dessen Bevölkerungszahl erheblich zu vergrößern und dann auch zu behalten. Infolge der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 hatte das Noch-Herzogtum Württemberg als Entschädigung für verlorene linksrheinische Besitzungen (Beispiel Mömpelgard) nun verweltlichte Kirchengüter erhalten, vor allem in Oberschwaben. Außerdem waren bisherige Freie Reichsstädte wie Esslingen, Reutlingen oder Ulm mit teilweise großen Landgebieten an die neue Herrschaft gefallen. In der Folgezeit waren weitere Gebiete wie Vorderösterreich und bislang selbständige Fürstentümer wie Hohenlohe, Fürstenberg und Waldburg hinzugekommen. Ziel König Friedrichs war nun die Bildung eines straff organisierten einheitlichen Staatswesens und die Formung eines württembergischen Volkes aus den bisherigen und den neuen Untertanen. Er begann 1806 mit einer radikalen Verwaltungsreform, z. B. der Einteilung des gesamten Landes in etwa gleich große Oberämter. Schwierig gestaltete sich jedoch die Integration der großen neuen Gebiete mit überwiegend katholischer Bevölkerung.
Friedrichs Sohn, König Wilhelm I., musste mit dem Beginn seiner Regentschaft zunächst vorrangig die Landwirtschaft reformieren. In seinem Land herrschte nämlich eine große Hungerkatastrophe, ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Tambora östlich von Java im heutigen Indonesien im April 1815. Es kam deshalb 1816 zum „Jahr ohne Sommer“, dem zweitkältesten Jahr seit 1400, mit Unwettern und Überschwemmungen, was Missernten und dadurch bedingt extrem hohe Lebensmittel- und Futterpreise zur Folge hatte. Die Menschen, vor allem die sowieso schon von Armut betroffenen, hatten wenig bis nichts zu essen und starben vermehrt an Hunger, Erschöpfung und Krankheiten wie Typhus und Cholera. Um dieser Not zu entgehen, wanderten viele ins Zarenreich aus. Dabei nahmen sie die beschwerliche und lebensgefährliche Reise ab Ulm auf der Donau bis ans Schwarze Meer auf sich, um dann auf dem Landweg weiter nach Südrussland zu ziehen. Waßner zeigte anhand der Einwohnerentwicklung von Baltmannsweiler und Hohengehren, dass auch diese beiden Ortschaften von der schwierigen Situation im Land betroffen waren und viele Menschen ihren angestammten Wohnort verließen. Der Kreisarchiv streifte zudem Aspekte wie Weide- und Stallhaltung des Viehs oder das Recht zum Laubrechen im Wald.
Einen großen Raum nahm zum Abschluss des Vortags das Thema Abwanderung aus den beiden Schurwalddörfern ein. Unzählige Menschen verließen demnach damals ihren Wohnort, zumeist aus wirtschaftlichen Gründen. Sie zogen in die nähere oder weitere Umgegend oder verließen Württemberg, ja Europa für immer, zunehmend nach Nordamerika. Manche stellten ganz legal Anträge auf Entlassung aus der württembergischen Staatsbürgerschaft, um die Heimat verlassen zu können, viele verschwanden aber ohne dieses bürokratische Prozedere allein oder mit Familie aus dem Ort. Waßner illustrierte anschaulich die Emigration anhand von Auswandererschicksalen aus Baltmannsweiler, die Erfolg und Scheitern dieser Menschen in den Vereinigten Staaten zeigten. Er beschrieb anhand eines Zeitzeugenberichts die Strapazen der Überfahrt an die Ostküste Nordamerikas, oft nach Pennsylvania, wo bereits Angehörige oder Bekannte der Ankommenden lebten. Agenten, die in Zeitungen für Fahrten über den Atlantik ins „Gelobte Land“ warben und mitunter auch in betrügerischer Absicht handelten, fanden ebenfalls Erwähnung.
Die Äußerung „Ich hätte noch eine Stunde zuhören können“ vernahm man nach dem Vortrag mehr als einmal - es gibt wahrlich kein besseres Urteil aus Besuchermund. Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins sorgten erneut für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung, dabei fand die zum Thema passende Dekoration der Tische besondere Aufmerksamkeit. Der Dank gilt wieder den vielen helfenden Händen, auch denen im Hintergrund. (auh)


