Im Frühjahr und Frühsommer kommt es immer wieder vor: Spaziergänger entdecken im hohen Gras, am Waldrand oder auf Wiesen ein scheinbar verlassenes Rehkitz. Oft liegt es regungslos am Boden, wirkt hilflos und gibt keinen Laut von sich. Viele Menschen möchten sofort helfen – doch gerade gut gemeinte Hilfe kann für das Tier gefährlich werden.
Warum Rehkitze oft allein sind
Rehgeißen bringen ihre Jungen häufig im Mai und Juni zur Welt. In den ersten Lebenswochen verstecken sie ihre Kitze bewusst im hohen Gras, in Getreidefeldern oder in dichtem Bewuchs. Die Mutter entfernt sich oft über längere Zeit, um keine Fressfeinde anzulocken. Sie kehrt jedoch regelmäßig zurück, um das Kitz zu säugen. Ein allein liegendes Rehkitz bedeutet deshalb in den meisten Fällen nicht, dass es verlassen wurde. Das regungslose Verhalten ist sogar ein natürlicher Schutzmechanismus: Rehkitze drücken sich bei Gefahr flach auf den Boden und bleiben still.
Warum man Rehkitze nicht anfassen sollte
Der wichtigste Grundsatz lautet: Nicht berühren und nicht mitnehmen.
Menschen hinterlassen Gerüche am Fell des Tieres. Zwar nehmen Rehmütter ihre Kitze häufig trotz menschlichen Geruchs wieder an, dennoch bedeutet unnötiger Kontakt zusätzlichen Stress. Außerdem können junge Wildtiere durch falsche Fütterung oder unsachgemäße Pflege ernsthaft geschädigt werden. Auch das Mitnehmen eines Wildtiers „zur Rettung“ ist meist weder nötig noch sinnvoll.
Wann wirklich Hilfe notwendig sein kann
Es gibt jedoch Situationen, in denen ein Eingreifen sinnvoll oder notwendig sein kann:
Das Kitz ist offensichtlich verletzt, beispielsweise durch eine Wunde oder einen Unfall.
Es befindet sich in unmittelbarer Gefahr, etwa auf einer Straße.
Es schreit über längere Zeit ununterbrochen und wirkt stark geschwächt.
Eine tote Rehgeiß befindet sich in unmittelbarer Nähe.
Das Tier wird von Hunden, Katzen oder Menschen bedrängt.
In solchen Fällen sollte man möglichst ruhig handeln und professionelle Hilfe einschalten.
Die richtigen Ansprechpartner
Wenn tatsächlich Hilfe nötig erscheint, sollte man sich an Fachleute wenden:
örtliche Jäger oder Jagdpächter
Wildtierstationen
Polizei (wenn Gefahr besteht)
örtliche Forstbehörden oder Wildtierhilfen
Beschreiben Sie den genauen Standort und den Zustand des Tieres möglichst präzise.
Besondere Vorsicht während der Mähsaison
Jedes Jahr sterben zahlreiche Rehkitze bei Mäharbeiten in Wiesen und Feldern. Landwirte, Jäger und freiwillige Helfer setzen deshalb zunehmend Drohnen mit Wärmebildkameras ein, um Kitze vor dem Mähen aufzuspüren und zu retten. Wer als Spaziergänger ein Rehkitz in einer Wiese entdeckt, die vermutlich bald gemäht wird, sollte den zuständigen Jäger oder Landwirt informieren.
Fazit
Wer ein scheinbar verlassenes Rehkitz entdeckt, hilft meist am besten, indem er Abstand hält. In den allermeisten Fällen ist die Mutter in der Nähe und kümmert sich um ihr Junges. Nur bei offensichtlicher Gefahr oder Verletzungen sollte professionelle Hilfe eingeschaltet werden. Manchmal bedeutet Helfen nicht, etwas zu tun – sondern bewusst nichts zu tun.
ThRat

