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Durch das Nähen Verbindung schaffen

Integrationsprojekt für Geflüchtete des Hemsbacher Seehotels

Von der Uhlandschule ins Seehotel: Wie ein Nähcafé mehr als nur Stoffe zusammenführt – und warum Nichtstun keine Option ist.
Drei Menschen stehen an einem Tisch mit Nähmaschinen und Nähzubehör
(v.l.) Beate Adler, Elke Wörmann-Wiese und Jovia Arvanitelli im Raum des Näh-Cafés.Foto: cs

Lange wohnten sie in der Uhlandschule. Eine wirkliche Integrationsarbeit konnte dort allein wegen der räumlichen Gegebenheiten kaum bewerkstelligt werden. Mit dem Umzug der geflüchteten Roma-Familien in das Seehotel hat sich diese Voraussetzung deutlich verändert. Hier wurde jetzt mit einer Feierstunde ein Nähcafé gestartet. Dennoch ist die Integration der Familien eine weitaus schwierigere Aufgabe als bei Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen.

Es gab Kuchen, Gitarrenmusik und Stimmengewirr. Die Stunden an diesem Nachmittag im Seehotel, sie waren anders als sonst. Vertreter der Stadt waren vor Ort, Ehrenamtliche, Nachbarn – und natürlich die Geflüchteten, die hier seit dem Sommer ein neues Zuhause haben. Grund war die offizielle Eröffnung eines Integrationsprojekts, das Stadt, AWO und der Verband Deutscher Sinti und Roma mit seinem Landesverband Baden-Württemberg (VDSR-BW) auf die Beine gestellt haben. Das Programm, das im Rahmen des Verbands gestartet wurde, heißt INTURO. Es ist ein Programm, das ausgerichtet ist auf die Integration von aus der Ukraine geflüchteten und vertriebenen Roma. Für Elke Wörmann-Wiese von der Hemsbacher AWO genau das, was auch ins Seehotel passte. Sie habe nach Hilfe und Unterstützung gesucht, um für die Familien eine bessere Integrationsmöglichkeit zu bieten. Die Kontaktaufnahme zum VDSR sei im April erfolgt. Danach ging es um Förderanträge und die Ausarbeitung eines Angebots für die Menschen.

„Sie müssen angeleitet werden“

Bei dem konkreten Angebot in Hemsbach gehe um eine Tagesstruktur, erklärt Jovica Arvanitelli, stellvertretender Vorsitzender des VDSR-BW. Die hätten die Familien bisher nicht. Sie haben sie aber auch nie gehabt, macht er deutlich. Die Roma, die alle aus der Region Transkarpatien nach Deutschland kamen, hätten schon in ihrer Heimat am Rande der Gesellschaft gelebt. Sie hätten nie eine Schule besucht, daher seien viele Analphabeten. „Die vorgesehenen Kurse würden sie überfordern“, erklärt Arvanitelli. Überhaupt würden die Menschen vieles von dem, was vorausgesetzt werde, nicht kennen. Das gelte auch für das strukturierte Lernen. Da müsse man sie hinführen, sagt Elke Wörmann-Wiese. „Sie müssen angeleitet werden“, weiß auch Arvanitelli.

Ein Schritt dabei soll das Nähcafé sein. Zweimal in der Woche können sich die Geflüchteten hier an die Nähmaschine setzen. Die Maschinen stellen der VDSR-BW und die AWO zur Verfügung, die Stadt die entsprechenden Räume. Den Frauen werde das Nähen vor Ort beigebracht, erzählt Arvanitelli. Aber auch Nachbarn und Interessierte sind eingeladen, mitzumachen. „Wir wollen durch das Nähen miteinander verbinden“, sagt er weiter. Zur gleichen Zeit werde nebenan eine Kinderbetreuung angeboten. Die Landesförderung von 3.300 Euro hat Wörmann-Wiese entsprechend nicht nur in die Nähausstattung, sondern ebenso in Bausteine investiert.

Neue Unterkunft, neue Möglichkeiten

Ein weiterer Projektteil ist ein Erstorientierungs-Kurs. Er soll den Roma-Familien vermitteln, wie das Leben in Deutschland funktioniert. „Die müssen erstmal verstehen, wie wir ticken“, bringt es Elke Wörmann-Wiese auf den Punkt. Beate Adler, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt, drückt es etwas anders aus. „Es sind Riesenentfernungen zu unserem Leben“, verdeutlicht sie die Situation der Roma in ihrer Heimat. Der Kurs werde sie weiterbringen, ist sie sicher. Adler ist froh über das neue Projekt. Seit der Ankunft der Menschen sei man bemüht gewesen, alles „in der Reihe zu halten“. Integration in der Schule? Schon räumlich nicht möglich, sagt sie. Wörmann-Wiese spricht davon, dass einige Versuche unternommen worden seien – mit überschaubarem Erfolg. Die Möglichkeiten, das sehen alle Beteiligten, haben sich mit den Voraussetzungen des Lebens im Seehotel zum Positiven verändert. Konflikte hätten sich deutlich reduziert, erzählt Adler. „Ich bin überzeugt, dass sich die Lage ändern kann“, sagt Arvanitelli mit Blick auf eben jene Konflikte. Doch man müsse miteinander reden.

Nichtstun keine Option

Wie gut das Projekt, das auf ein Jahr angelegt ist, angenommen wird, weiß Elke Wörmann-Wiese, die noch weitere Mitstreiter sucht für die Projektbetreuung, selbst nicht. Es werde Zeit brauchen. „Es kann grandios scheitern und es kann gut werden“, grinst sie. Doch egal wie: Nichtstun, so Wörmann-Wiese, sei keine Option.

Das Nähcafé findet immer montags und mittwochs, von 11 bis 13 Uhr und 17 bis 19 Uhr statt. Wer sich einbringen möchte, meldet sich bei Elke Wörmann-Wiese, E-Mail: woermann-wiese@online.de. (cs)

Erscheinung
exklusiv online
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
06.11.2025
Orte
Hemsbach