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Feierabend auf dem Schlepper

Interview mit Landwirt Norbert Werner aus Weingarten

Was die Rolle des Landwirts zu bedeuten hat, dazu sprach Landwirt Norbert Werner aus Weingarten im Interview.
Heuernte ohne Sorgen um das Wetter.Foto: Daniela Werner

Unsere Landwirte in Deutschland – wir brauchen sie, in jeder Scheibe Brot, in jedem Schluck Bier und in jeder Tüte Chips steckt ihre Arbeit. Gleichzeitig geht unser Verständnis für die Landwirtschaft kontinuierlich zurück: Nur noch zwei Prozent unserer Bevölkerung haben noch eine berufliche oder familiäre Beziehung zu der Berufsgruppe, die die Grundlagen unserer Ernährung sichert.

Kein Wunder ist daher die Sichtweise auf die Landwirte von Vorurteilen geprägt. Doch wie ist die Realität in einem kleinen Betrieb? Unser Mitarbeiter Matthias Görner sprach mit dem Weingartener Landwirt Norbert Werner.

Nussbaum Medien (NM): Guten Morgen Norbert, schön, dass Du im besonders arbeitsreichen Frühjahr ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch findest. Kannst Du in kurzen Worten Deinen Betrieb vorstellen?

Norbert Werner (NW): Ja klar, ich bewirtschafte zusammen mit meiner Familie achtzig Hektar im Nebenerwerb. Wir bauen Getreide und Mais an, hinzu kommen etwas Grünland für die Heuproduktion, Stilllegungsflächen und Lohnarbeiten.

NM: Und wie schafft man das zusätzlich zu einer vollen Berufstätigkeit?

Werner: Nun, durch meine Schichtarbeit kann ich in meiner freien Zeit tagsüber schon einiges erledigen. Selbstverständlich hilft auch die Familie mit. Hinzu kommt die Mechanisierung in der Landwirtschaft. So wie die Vollerwerbsbetriebe wachsen, vergrößern sich auch die im Nebenerwerb. Als ich 2002 meinen zweijährigen Lehrgang im Landwirtschaftsamt Bruchsal absolvierte, sah ein Dozent in zwanzig Jahren, also mehr oder weniger heute, die Betriebsgröße im Nebenerwerb bei dreihundert Hektar – so weit sind wir noch lange nicht.

NM: Als Landwirt trägt man das volle unternehmerische Risiko und ist ohne Erfolgsgarantie unterwegs. So faszinierend Dein „zweiter Beruf“ auch ist, kann es doch jedes Jahr gut oder schlecht laufen. Was sind aus Deiner Sicht die weiteren Erschwernisse?

Werner: Ganz klar, die Bürokratie. Es wurde zwar von politischer Seite Abhilfe versprochen, doch steigt die Regulierungsdichte nach wie vor an. Die Schreibtischarbeit bindet einfach zu viel Zeit und geht zu Lasten der Produktivität. Darüber hinaus ist das mittlerweile etablierte System der permanenten Überwachung auch persönlich demotivierend und zermürbend zugleich: Wohl kaum eine andere Berufsgruppe wird alle drei Tage per Satellit überwacht. Von einem „freien Landmann“ kann schon lange nicht mehr die Rede sein.

NM: Nun, vielleicht besteht seit Antritt der neuen Regierung etwas Hoffnung auf Besserung. Wir haben ja nun einen Landwirtschaftsminister, der die Sorgen und Nöte der Landwirte aus der Praxis kennt. Doch richten wir mal den Blick nach Weingarten selbst. Wo steht bei uns aus Deiner Sicht die Landwirtschaft in zwanzig Jahren?

Werner: Ganz klar ist bei vielen Höfen die Betriebsnachfolge nicht gesichert, doch gerade der Übergang von einer Generation zur nächsten ist ein kritischer Moment in der Landwirtschaft. Raten Eltern ihren Kindern bei der Berufswahl von einer Hofnachfolge ab oder orientieren sich Töchter und Söhne anders, so sterben teils jahrhundertealte Betriebe für immer. Dies ist auch ein gewaltiger kultureller Verlust. Die Zahl der Landwirte wird auch bei uns weiter zurückgehen. Gleichzeitig beobachte ich ein besseres Verhältnis und einen verstärkten Zusammenhalt unter den örtlichen Landwirten. Ich könnte mir daher für die Zukunft auch interessante Kooperationen und damit den Weiterbestand mancher Betriebe vorstellen.

NM: Und wie kann unsere politische Gemeinde die Landwirtschaft unterstützen?

Werner: Die Verwaltung hat mit dem Neustart unseres Wochenmarkts ganz sicher ein positives Signal für die Rückbesinnung auf regionale und saisonale Lebensmittel gesetzt. Deutliche Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich beim generellen Zustand der landwirtschaftlichen Wege und beim Freischnitt der Lichtraumprofile. Darüber hinaus kann in den Kindergärten durch Sensibilisierung und Aufklärung vieles erreicht werden.

Lernen Kinder zum Beispiel in jungen Jahren, dass man nicht quer durch Getreidefelder marschiert, so werden sie wohl kaum als Erwachsene mit ihren SUVs durch frisch eingesäte Ackerflächen pflügen. Dies ist gerade in den letzten Tagen im Gewann „Bronnloch“ wieder geschehen – für mich ein trauriges Beispiel für eine übersättigte Gesellschaft, die jeden Bezug zu ihren eigenen Existenzgrundlagen verloren hat. Zuletzt würde ich mir wünschen, dass die Gemeinde nicht in den Grundstücksmarkt eingreift, Acker- und Weinbauflächen zu überhöhten Summen erwirbt und damit Boden- und letztendlich auch Pachtpreise für die Landwirte in die Höhe treibt.

NM: Das klingt schlüssig. Zum Schluss noch eine Frage: Wie beginnt die Saison 2025 aktuell für Euren Betrieb?

Werner: Es ist noch nichts entschieden, aber die zwanzig Liter Niederschlag Anfang Mai konnten die Defizite des Monats März nicht ausgleichen. So wie ich höre, war die Heuernte bislang gut. Das Paradoxe in der Landwirtschaft ist ja auch, dass sich ein hoher Ertrag auch negativ auswirken kann, da dann „alle viel haben“ und die Preise dadurch fallen. Generell haben sich die Konditionen auch durch den Ukrainekrieg für uns verschlechtert: Für Braugerste werden derzeit nur noch 22 Euro statt früher 44 Euro pro Doppelzentner bezahlt, Weizen ging von 30 Euro auf 17 Euro zurück. Die Rohstoffpreise spielen jedoch in der Lebensmittelproduktion nur eine marginale Rolle. Bei einer Felderbegehung vor ein paar Tagen hat der Referent vorgerechnet, dass bei einem um fünfzig Cent pro Liter erhöhten Bierpreis der Landwirt auf einem Hektar Braugerste satte 99.000 Euro erwirtschaften würde.

Das Interview führte Matthias Görner.

Vandalismus in einer Getreidekultur im Gewann „Bronnloch“.
Vandalismus in einer Getreidekultur im Gewann „Bronnloch“.Foto: Matthias Görner
Erscheinung
exklusiv online
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
20.05.2025
Orte
Weingarten (Baden)
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Panorama
Tiere, Natur & Umwelt