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Für den Wahlkreis 39 Weinheim

Interview zur Landtagswahl mit Fadime Tuncer (Grüne)

Zehn Fragen an Kandidatin Fadime Tuncer (Grüne) zur bevorstehenden Landtagswahl am 8. März 2026.
Eine dunkelhaarige Frau lächelt in die Kamera.
Fadime Tuncer sitzt seit 2022 für die Grünen im Landtag.Foto: Fadime Tuncer

Im Vorfeld der Landtagswahl 2026 sprach die Redaktion mit einigen Kandidaten, die für ein Direktmandat im Wahlkreis Weinheim kandidieren. Fadime Tuncer von Bündnis 90/Die Grünen nahm sich die Zeit, der Redaktion einige Fragen zu beantworten.

Die in Schriesheim wohnhafte 57-Jährige ist Politikwissenschaftlerin (M.A.) und seit 2022 Landtagsabgeordnete. Politisch ist sie seit 2009 aktiv, unter anderem als Gemeinderätin, Kreisrätin und seit 2011 als Kreisvorsitzende ihrer Partei.

NUSSBAUM.de: Welche konkreten Maßnahmen möchten Sie auf Landesebene ergreifen, um den Bau von bezahlbarem Wohnraum zu fördern?

Fadime Tuncer: Ich setze mich auf Landesebene für eine gemeinwohlorientierte Wohnraumpolitik ein, die Neubau, Bestand und Mieterschutz zusammen denkt. Ein zentrales Instrument ist für mich die Schaffung einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft. Sie soll gezielt größere Wohnungsbestände privater Anbieter zurückkaufen und so dauerhaft bezahlbaren Wohnraum sichern. Gleichzeitig unterstütze ich ein landesweites Förderprogramm, mit dem Kommunen selbst Wohnraum erwerben können. Mir ist wichtig, dass wir schneller bauen: durch digitalisierte Bauverfahren, eine Bauordnung, die Umbauten erleichtert, und mehr kommunale Spielräume – etwa bei der Absenkung des Stellplatzschlüssels. Bezahlbarer Wohnraum entsteht für mich nicht nur durch Neubau, sondern auch durch die Aktivierung von Leerständen, die Umnutzung bestehender Gebäude, Wohnungstauschmodelle und inklusive Wohnformen. Dies entlastet Mieterinnen und Mieter ebenso wie kommunale Haushalte.

NUSSBAUM.de: Wie sollte das Land Kommunen wie Hemsbach unterstützen, um steigende Pflichtaufgaben und eine hohe Verschuldung besser bewältigen zu können?

Tuncer: Als Landtagsabgeordnete ist mir die finanzielle Handlungsfähigkeit der Kommunen ein zentrales Anliegen. Ich stehe klar zum Konnexitätsprinzip: Wer Aufgaben überträgt, muss auch für deren Finanzierung sorgen. Ich setze mich dafür ein, dass Pflichtaufgaben dauerhaft ausfinanziert werden und der Katalog dieser Aufgaben gemeinsam mit den Kommunen überprüft wird, um Überlastungen abzubauen. Konkret unterstütze ich eine Erhöhung des Gemeindeanteils an der Umsatzsteuer, denn Umsatz wird vor Ort gemacht, sowie eine Neuordnung der Gemeinschaftssteuern zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Der kommunale Finanzausgleich muss moderner, gerechter und nachhaltiger werden. Gleichzeitig möchte ich Kommunen mehr Investitionsspielraum verschaffen – etwa durch erleichterte Kreditaufnahme für wirtschaftlich tragfähige Projekte, Landesbürgschaften und eine gezielte Stärkung kommunaler Unternehmen.

NUSSBAUM.de: Welche landespolitischen Entscheidungen halten Sie für geeignet, um Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen spürbar zu entlasten?

Tuncer: Ich will Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen spürbar entlasten, indem wir die großen Kostenblöcke im Alltag angehen. Deshalb unterstütze ich ein verbindliches, gebührenfreies letztes Kita-Jahr und eine stärkere Landesbeteiligung an der Kita-Finanzierung, um Gebührensteigerungen zu begrenzen. Bezahlbarer Wohnraum ist für mich ein zentraler sozialpolitischer Hebel, weil hohe Mieten Familien massiv belasten. Zusätzlich setze ich mich für gezielte Investitionen in Bildung ein, etwa über das Startchancen-Programm für Schulen in sozial herausfordernden Lagen. Mir ist außerdem wichtig, dass staatliche Leistungen einfacher, digitaler und möglichst automatisch bereitgestellt werden, damit Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird – ohne unnötige Bürokratie.

NUSSBAUM.de: Ist die aktuelle Kosten- und Aufgabenverteilung zwischen Land und Kommunen bei Kitas aus Ihrer Sicht gerecht, und sollte das Land mehr Verantwortung übernehmen?

Tuncer: Aus meiner Sicht ist die derzeitige Kostenverteilung zwischen Land und Kommunen bei den Kitas nicht ausgewogen. Deshalb unterstütze ich eine stärkere Verantwortung des Landes. Das Land übernimmt 68 % der Betriebskosten bei Kleinkindbetreuung, sowie 63% bei der Betreuung der Über-Dreijährigen. Da bleibt zu viel bei den Kommunen hängen. Die Eltern haben einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, und die Kommunen müssen die Plätze schaffen. Das Land unterstützt den Bau neuer Kitas mit immer wieder neu aufgelegten Programmen. Im Zuge des Rechtsanspruchs müssen wir die Finanzierungssystematik weiter verbessern. Ich setze mich für mehr Landesmittel ein, um Qualität zu sichern und Beitragserhöhungen zu vermeiden. Inhaltlich geht es mir um bessere Arbeitsbedingungen: mehr Fachkräfte, multiprofessionelle Teams, einen kindgerechten Fachkraft-Kind-Schlüssel sowie den Ausbau der praxisintegrierten Ausbildung und des Direkteinstiegs. Das gebührenfreie letzte Kita-Jahr ist für mich ein wichtiger Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

NUSSBAUM.de: Welche Verantwortung trägt das Land für Personal, Digitalisierung und Organisation der Ausländerbehörden, und was würden Sie konkret ändern, um Verfahren zu beschleunigen?

Tuncer: Ich sehe das Land klar in der Verantwortung für Personalstandards, Organisation und Digitalisierung der Ausländerbehörden. Als Abgeordnete setze ich mich dafür ein, dass die Behörden in den Landkreisen und großen Kreisstädten strukturell gestärkt und modernisiert werden. Verfahren müssen vereinheitlicht und durch digitale Lösungen beschleunigt werden. Besonders wichtig ist mir die weitere Beschleunigung von Anerkennungsverfahren ausländischer Qualifikationen. Die Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften ist dabei ein zentrales Entlastungsinstrument für Kommunen und entlastet zugleich auch die Ausländerbehörden. Ergänzend unterstütze ich mehrsprachige Informationsangebote, interkulturelle Schulungen, damit Integration schneller gelingt und Verwaltungen effizient arbeiten können.

NUSSBAUM.de: Welche landespolitischen Hebel sehen Sie, um Pflegekräfte zu gewinnen und Pflegeeinrichtungen langfristig zu stabilisieren?

Tuncer: Ich setze mich dafür ein, Pflege langfristig zu stabilisieren und Pflegeberufe attraktiver zu machen. Dazu gehören gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, verlässliche Dienstpläne und mehr Möglichkeiten zur Qualifizierung. Pflege darf nicht an Bürokratie ersticken – deshalb unterstütze ich den gezielten Einsatz digitaler Lösungen zur Entlastung des Personals. Es ist gut, dass die Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften über eine eigenständige Anlaufstelle für die pädagogischen und Pflegefachkräfte verfügt. Gleichzeitig will ich regionale und genossenschaftliche Träger stärken, um Pflege vor Ort zu sichern und Abhängigkeiten von Rendite-getriebenen Strukturen zu reduzieren. Pflege ist für mich nicht nur eine soziale Aufgabe, sondern auch ein wichtiger Beschäftigungsbereich, der Sicherheit und Perspektiven bietet – gerade im ländlichen Raum.

NUSSBAUM.de: Welche konkreten Maßnahmen würden Sie priorisieren, um das Ziel der „Vision Zero“ im Straßenverkehr in Baden-Württemberg zu erreichen?

Tuncer: Für mich ist die Vision Zero ein klares politisches Ziel: Niemand soll im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt werden. Dafür setze ich auf sichere Infrastruktur statt bloßer Appelle. Der Ausbau von Rad- und Fußwegen, sichere Querungen, bessere Beleuchtung und Verkehrsberuhigung sind zentrale Maßnahmen. Kommunen brauchen mehr Entscheidungsspielraum, etwa bei Tempo-30-Regelungen. Gleichzeitig unterstütze ich Investitionen in einen zuverlässigen und attraktiven öffentlichen Nahverkehr. Weniger Autoverkehr, mehr sichere Alternativen und gut gestaltete Straßenräume erhöhen die Sicherheit für alle – insbesondere für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

NUSSBAUM.de: Welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um dem Fachkräftemangel in Baden-Württemberg zu begegnen und den Wirtschaftsstandort zu stärken?

Tuncer: Als Landtagsabgeordnete sehe ich den Fachkräftemangel als eine der größten Herausforderungen für Baden-Württemberg. Ich setze mich für eine breite Fachkräftepolitik ein: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch den Ausbau von Kinder- und Ganztagsbetreuung, gezielte Weiterbildung und Neuqualifizierung sowie eine kostenfreie Meisterausbildung. Die Landesagentur für Fachkräftezuwanderung spielt für mich eine Schlüsselrolle, um Verfahren zu beschleunigen und Betriebe zu entlasten. Gleichzeitig will ich mehr Potenziale im Land heben – bei Frauen, Älteren, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit Migrationsgeschichte. So sichern wir langfristig Arbeitsplätze, Innovation und Wohlstand.

NUSSBAUM.de: Wo sehen Sie die größten Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Wirtschaft und sozialer Akzeptanz, und wie würden Sie diese politisch gewichten?

Tuncer: Ich nehme Zielkonflikte ernst, ordne sie aber klar ein: Klimaschutz ist für mich keine Gegenposition zu wirtschaftlicher Stärke, sondern ihre Voraussetzung. Investitionen in erneuerbare Energien, GreenTech und Kreislaufwirtschaft schaffen Arbeitsplätze und sichern Wettbewerbsfähigkeit. Politisch ist mir wichtig, Klimaschutz sozial ausgewogen umzusetzen – durch Entlastungen bei Energie- und Wohnkosten und durch eine starke Beteiligung der Kommunen. Akzeptanz entsteht dort, wo Menschen sehen, dass ökologische Transformation Sicherheit, Perspektiven und Lebensqualität schafft.

NUSSBAUM.de: Wie wollen Sie den Wahlkreis Weinheim im Landtag vertreten und für Bürgerinnen und Bürger ansprechbar sein?

Tuncer: Ich verstehe mein Mandat als Verbindung zwischen den Menschen im Wahlkreis und der Landespolitik. Mir ist wichtig, ansprechbar zu sein, zuzuhören und Anliegen aus dem Wahlkreis konsequent in den Landtag einzubringen. Dazu gehören regelmäßige Gespräche, Präsenz vor Ort und transparente Kommunikation. Landespolitische Programme zu Wohnen, Mobilität, Bildung und kommunaler Finanzierung müssen sich konkret vor Ort bewähren. Dafür setze ich mich ein – sachlich, engagiert und im engen Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern, Kommunen, Vereinen und Initiativen.

(km)

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