„Es ist so schade, denn viele Sachen sind heute billig und oft schnell kaputt“, bedauert das Team des Reparaturcafés im Jugendhaus Bad Wildbad (Calmbacher Straße 14). Die moderne Wegwerfmentalität ist den engagierten Ehrenamtlichen schon lange ein Dorn im Auge. Ihr Ziel ist so einfach wie wertvoll: Dem schnellen Konsum etwas entgegensetzen, Ressourcen schonen und liebgewonnenen Gegenständen eine zweite Chance geben. Ob die aufgetrennte Naht am Lieblingsrock oder der streikende Milchaufschäumer – hier wird Nachhaltigkeit ganz praktisch gelebt. Doch damit diese Erfolgsgeschichte weitergehen kann, braucht das Projekt dringend frischen Wind, neue Besucher und tatkräftige Unterstützung.
Während das Angebot in der Elektronikwerkstatt nach wie vor gut genutzt wird, kämpft vor allem die „Stoff-Crew“ mit den Nachwirkungen der letzten Jahre. Seit der Corona-Zeit ist das Angebot bei vielen Bürgern ein bisschen in Vergessenheit geraten und aus dem Bewusstsein verschwunden. Der Rhythmus in der Nähwerkstatt musste deshalb sogar auf einen Vierteljahres-Turnus umgestellt werden.
Dabei gibt es keinen Grund zur Zurückhaltung: Das Team möchte ausdrücklich dazu ermutigen, defekte Schätze nicht einfach in die Tonne zu treten, sondern im Jugendhaus vorbeizubringen. Die treue Kundschaft kommt längst nicht mehr nur aus Bad Wildbad selbst, sondern reist sogar aus der gesamten Umgebung an.
In der Nähstube nehmen sich Sonja Grammel und Josefine Seeger allem an, was aus Stoff ist. Ob Vorhänge gekürzt, ein Rock enger gemacht oder eine offene Naht geflickt werden muss – die beiden Damen zaubern an ihren Nähmaschinen. Josefine Seeger ist von Anfang an mit Herzblut dabei und schmunzelt: „Ich bin jedes Mal anwesend. Mein Mann, Gerhard Seeger, ist ja schon seit 15 Jahren generell im Jugendhaus aktiv. Als er dann 2015 das Reparaturcafé mit ins Leben gerufen hat, hieß es für mich einfach: Mitgefangen, mitgehangen!“
Das gesamte Material, die bunten Garne und sogar die eigenen Nähmaschinen bringen die beiden Frauen von zu Hause mit. Nur spezielle Wünsche, wie zum Beispiel einen neuen Reißverschluss, müssen die Kunden selbst im Gepäck haben. Ausgenutzt wird dieser liebevolle Service übrigens nicht: Bevor jemand die Profi-Schneiderin umgeht, sucht er ganz bewusst den Austausch im Jugendhaus.
Gleich nebenan in der Elektronikabteilung landet alles, was einen Stecker oder eine Batterie hat – vom geschätzten alten Plattenspieler bis hin zum modernen Milchaufschäumer. Das Team besteht aus echten Allroundern, die sich auch vor Holz- oder Metallarbeiten nicht scheuen. Als geistiger Vater der Runde gilt Gerhard Seeger. Verstärkt wird die Truppe durch ein fachkundiges Netzwerk: Hans Schafft (ehemaliger Strahlenschutztechniker), Dieter Reichert (gelernter Radio- und Fernsehtechniker im Ruhestand) sowie Jürgen Kiesel aus Calmbach und Armin Schmalz aus Langenbrand, die beide als Fernmeldetechniker ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt haben.
„Ich repariere auch daheim alles, auch in der Nachbarschaft“, erzählt Armin Schmalz über seine Leidenschaft. Manchmal stößt aber selbst die größte Erfahrung an Grenzen. Wenn bei einer defekten Platine absolut nichts mehr zu machen ist, greift das Team aus Sicherheitsgründen zur Schere und schneidet den Stecker ab, damit niemand das Gerät zu Hause noch einmal unbedacht unter Strom setzt.
Damit das Reparaturcafé eine Zukunft hat, startet die Mannschaft einen herzlichen Aufruf an alle Generationen. Die engagierte Stamm-Crew kommt schlicht in die Jahre – das Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei „80 plus/minus“, und einige Betreuer können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so mitwirken wie früher.
Umso schöner ist es, dass mit einem 20-jährigen Industriemechaniker, der früher in der Jugendwerkstatt aktiv war und heute bei der Firma Berthold arbeitet, sowie einem weiteren jüngeren Helfer bereits frischer Wind in der Werkstatt weht. Doch es braucht mehr Unterstützung.
Gesucht werden neue Mitstreiter für alle Bereiche – von Stoff bis Elektronik. Dabei setzt das Reparaturcafé auf den echten Gemeinschaftsgedanken: Warum nicht gegenseitig helfen? Wer Hilfe in der Nähstube sucht, könnte im Gegenzug seine Talente bei Metall, Holz oder Elektrik einbringen. Der Zeitaufwand ist dabei überschaubar: Das Reparaturcafé öffnet am zweiten Samstag im Monat in den Nachmittagsstunden (mit etwas Vorbereitung vorab), wobei die Sommermonate komplett pausiert werden. Wer sich einbringt, bekommt viel zurück: Jede Menge Spaß in einer geselligen, lustigen Runde und das unbezahlbare Gefühl, die Welt ein kleines Stück grüner zu machen.
Dass sich dieser ehrenamtliche Einsatz am Ende doppelt auszahlt, zeigte sich am vergangenen Samstag ganz deutlich. Auf dem Programm stand nämlich ein ganz besonderer Höhepunkt: Eine feierliche Scheckübergabe vom Reparaturcafé an das Jugendhaus. Da das gesamte Angebot für die Besucher komplett kostenlos ist und alles auf Spendenbasis läuft, zeigen sich die Menschen am Ende oft sehr dankbar.
„Unterm Strich sind die Leute unheimlich großzügig“, freut sich das Team. Und so wandern die Spenden eins zu eins dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden: direkt in die wertvolle lokale Jugendarbeit vor Ort. Ein schöner Beweis dafür, dass aus reparierten Dingen neue Zukunftschancen für die Jugend entstehen. (mm)