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Im Bann der schwarzen Romantik

Katharina Thalbach im Palatin: Schatten über dem Nichts

Katharina Thalbach verzauberte das Publikum im Palatin mit ihrer Lesung „Schatten über dem Nichts“, begleitet von Michael Sele und Stefania Verità.
Katharina Thalbach im Palatin
Katharina Thalbach zieht das Publikum mit ihrer Lesung „Schatten über dem Nichts“ in den Bann der Schwarzen Romantik.Foto: Palatin

Die Veranstaltung war Teil des Jubiläumsprogramms „50 Jahre Stadtbibliothek Wiesloch“. Katharina Thalbach, seit Jahrzehnten eine der markantesten Stimmen des deutschen Theaters, widmete sich Texten der sogenannten Schwarzen Romantik.

Diese Strömung, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als dunkle Gegenbewegung zur idealisierenden Romantik entstand, beschäftigte Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Bram Stoker und Edgar Allan Poe – alle fasziniert vom Unheimlichen, vom Unerklärlichen, das im Verborgenen lauert.

Poes Wahnsinn

Thalbach zeigte an diesem Abend die ganze Bandbreite ihres Ausdrucks: mal flüsternd, mal schneidend, dann wieder mit feiner Ironie oder erschreckender Wucht.

Mit Ausrufen wie „Walpurgisnacht!“ ließ sie das Publikum zusammenzucken und legte den Schrecken einer ganzen Geschichte in ein einziges Wort.

In Poes „Das verräterische Herz“ zeichnete sie den Wahnsinn des Erzählers so plastisch nach, dass die Spannung greifbar wurde – die ersten Jubelrufe kamen schon vor der Pause.

Niemand, der diesen Abend erlebt hat, wird diese Texte je wieder lesen können, ohne Thalbachs Stimme im Ohr zu hören. So eindringlich erlebt man vorgelesene Texte nur selten.

Dunkle Klänge

Das Bühnenbild war schlicht und wirkungsvoll: schwarzer Flügel und schwarzes Pult, spärliches Kerzenlicht, einige Strahler. So entstand eine Atmosphäre, die perfekt zur Schwarzen Romantik passte.

Diese Kunstrichtung feiert das Dunkle, Rätselhafte und Unheimliche. Michael Sele wechselte zwischen Flügel und Gitarre, sang seine englischen Texte mit melancholischem Timbre, melodisch begleitet von Stefania Verità.

Die Cellistin verstand es, ihrem Instrument auch schrille, fast geisterhafte Klänge zu entlocken. Man meinte, knarrende Türen zu hören oder nahende Geisterwesen zu sehen, wenn ihr Bogen über die Saiten fuhr.

Sele ist Sänger und Songwriter. Seine Musik verbindet Elemente aus Dark Wave, Gothic Rock, Post-Punk und melancholischem Pop.

Zwischen den Szenen von Katharina Thalbach schufen seine Stücke eine eigenständige, dichte Stimmung und setzten musikalische Pausen, die die einzelnen Geschichten klar voneinander abgrenzten.

Lange Vorbereitung

Dass diese außergewöhnliche Kombination überhaupt nach Wiesloch kam, ist dem Engagement von Maria Ortlieb, der Leiterin des Kulturbüros, zu verdanken. Ortlieb hatte das Programm in Ludwigshafen gesehen und war sofort begeistert.

Über ein Jahr lang schrieb und telefonierte sie mit Agenturen in Deutschland und der Schweiz, bis es endlich funktionierte. Die Idee, den Abend ins Jubiläumsprogramm der Stadtbibliothek einzubetten, entstand im Gespräch mit Thomas Michael, dem Leiter der Bibliothek, und erwies sich als Glücksgriff.

Stilechte Fan-Outfits

Peter und Angelika, zwei Gothic-Fans aus dem Saarland, waren eigens für Michael Sele angereist. Seit 2013 besuchen sie Konzerte von Seles Band The Beauty of Gemina im In- und Ausland.

Ganz in Schwarz, stilecht bis ins Detail: „Gothic ist eine Lebenseinstellung.“ Mit einem Augenzwinkern fügte Peter hinzu: „Wir schlafen zu Hause in ganz normalen Betten – nicht in Särgen.“

Am Ende gab es Standing Ovations für die Künstler – ein Abend, an dem Musik und Literatur auf eindrucksvolle Weise zusammenfanden.

Erscheinung
Wieslocher Woche
NUSSBAUM+
Ausgabe 45/2025
von Redaktion NUSSBAUMClaudia Heneka
05.11.2025
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