Kindheitserinnerungen aus den 60er Jahren – von Gudrun Schultheiss
An einem Regentag im Sommer saß ich an meinem Schreibtisch und sah vom Fenster aus zu, wie die Regentropfen auf der Straße zu einer großen Pfütze zusammenliefen. Die Nachbarkinder hatten ihre Freude daran, barfüßig durch das warme Wasser zu springen. Erinnerungen an meine eigene Kindheit wurden wach, ich geriet ins Träumen von der Zeit in den sechziger Jahren. Viele Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, doch alles was ich damals erleben durfte, wurde plötzlich wieder lebendig in mir. Ich hatte das Glück, zusammen mit meinem Bruder in unserem Dorf Perouse auf dem Lande aufwachsen zu dürfen. Freunde gab es immer genügend zum Spielen. Unserem großen Bewegungsdrang sowie den fantasievollen und kreativen Spielmöglichkeiten, waren inmitten von Wiesen und Wäldern keine Grenzen gesetzt. Langeweile kannten wir Dorfkinder nicht. Von früh bis spät sah man uns bei jedem Wetter an der frischen Luft. Wir hatten rote Wangen, stets schmutzige Hände, waren abgehärtet und selten krank. Unsere Eltern betrieben Landwirtschaft, somit hatten wir eine gesunde Ernährung aus eigener Ernte auf dem Tisch. Den Wechsel der vier Jahreszeiten bekamen wir besonders intensiv mit. Deshalb möchte ich meine Erinnerungen in vier Abschnitte aufteilen.
Der Frühling
Nach den frostig kalten Wintermonaten in denen viel Schnee lag, freuten wir Kinder uns ganz besonders auf den Frühling. Endlich konnten wir Mädchen stolz unseren neuen Puppenwagen durchs Dorf schieben, den wir an Weihnachten geschenkt bekamen. Im Alter von 13 Jahren war für uns das Puppenspielen noch etwas selbstverständliches. Wir waren damals sehr bescheiden und einfallsreich. Eine Freundin von mir besaß keine eigene Puppe. Ohne lange zu überlegen schnitt sie sich aus einer Zeitschrift ein "Papierbaby" aus und bettete dieses liebevoll in ein Körbchen. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Teddybär. Er hatte keine Haare mehr auf seinem Körper, weil ich ihn aus Versehen eine Nacht lang in der Zinkbadewanne liegen ließ. Trotzdem oder gerade deshalb liebte ich ihn heiß und innig. Wir Mädchen bereiteten uns im Spiel gut auf unsere spätere Rolle als Frau und Mutter vor. Des öfteren holten wir einen ausgedienten Kinderwagen, in dem wir selbst als Baby lagen, von der Bühne. Die ganz Ungenierten von uns legten sich im Wechsel zusammengekauert mit einem Schnuller im Mund hinein und gaben auf der Spazierfahrt sogar noch Babylaute von sich. Sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen den Frühling angekündigt hatten, durfte ich wieder den heißbegehrten alten Schuhkarton mit hinaus ins Freie nehmen. Er war gefüllt mit winzigem, rosa und hellblau farbigem Plastik-Puppengeschirr. Die Nudelfirma "Funk" ließ sich damals etwas tolles einfallen für uns Puppenmütter. In jeder Nudelpackung die meine Mutter gekauft hat, war ein Geschirrteilchen versteckt. Die Überraschung war jedes Mal groß. Finde ich heute ein Tässchen, Kaffeekännchen, Tellerchen oder ein Besteckteil unter den Teigwaren? Mit der Zeit hatte ich eine ganze Geschirrsammlung zusammen mit der es sich wunderbar spielen ließ. Deshalb sah ich es gar nicht gerne, wenn meine Mutter selbstgeschabte Spätzle machte.
Zu Ostern bekamen mein Bruder und ich jedes Jahr einen neuen, bunten Ball. Für heutige Kinder ist der Wert eines solchen Geschenkes kaum vorstellbar. Ich erinnere mich noch an viele Ballspiele aus dieser Zeit. Manchem von uns ist sicherlich noch das "Zehnerle" bekannt. Auch andere Spiele fallen mir spontan ein. Zum Beispiel das Ball werfen ins Schwalbenlöchle. Dieses, von uns Kindern selbst erfundene Ballspiel muss ich unbedingt näher erklären: Weit oben am Scheunentor hatte mein Vater ein viereckiges Loch aus den Brettern gesägt, damit die Schwalben an der Scheunendecke ihre Nester bauen und unbeschwert ein und ausfliegen konnten. Auch im Kuhstall waren überall diese Nestchen an der Decke zu finden. Die Vögel ließen sich auch während dem Melken nicht stören und drehten eifrig ihre Runden über unsere Köpfe hinweg. Später wenn die Brutzeit zu Ende war und die Schwalbenkinder flügge wurden, war das Nest in der Scheune wieder verwaist. Nun bekamen wir vom Vater grünes Licht für unser Ballspiel. Dazu stellten wir uns in einer Reihe vor dem Scheunentor auf. Jedes Kind hatte zehn Versuche den Ball ins Loch zu werfen. Wer die meisten Treffer hatte war Sieger. Viel zu lachen gab es dann bei der Suche nach dem Ball zwischen Heu und Stroh.
Bis weit ins hohe Schulalter hinein begeisterte uns auch das vergnügte Spiel mit dem Hüpfgummi. Es bestand aus einem einfachen Hosengummi, den wir aus Mutters Nähschränkchen entwendet hatten. In der Freizeit sowie in jeder Schulpause fanden sich kleine Grüppchen mit je drei Gummihüpfern zusammen. Hinterher fiel das Stillsitzen wieder leichter. Es gab damals kaum ein Kind das nicht aus irgendeiner Hosen- oder Jackentasche einen solchen Hüpfgummi hätte hervorzaubern können.
Gudrun Schultheiss – aus Ihrem Buch “Der Kartoffelplattenspieler”