DK 2025 | 92 Min.
OmU (Dänisch) | FSK ab 12
Regie & Buch: Zinnini Elkington
Als dieser Spielfilm im Februar bei den Screenings der AG Kino in Berlin gezeigt wurde, bin ich mit Zweifeln reingegangen. Noch ein Krankenhaus-Film, der die Personalnot, den Stress, die Überforderung in unseren Kliniken zum Thema hat – ist dieses Thema nach dem Film Heldin, der bei uns große Resonanz gefunden hat, nicht „abgearbeitet“? Doch dann kam ich aus dem Kino und war hellauf begeistert. Denn Nachbeben setzt einen anderen Schwerpunkt, ist präzise beobachtet, herausragend gespielt (Özlem Saglanmak in der Rolle der Ärztin und Trine Dyrhom als Mutter eines Patienten) und ein spannender, realitätsnaher Thriller. Ein Morgen wie viele in einem dänischen Krankenhaus. Die Neurologin Alexandra tritt ihren Dienst an und gleich geht es zur Sache. Die Sanitäter bringen soeben eine ältere Patientin mit Schlaganfall, während im Team diskutiert wird, wie man die Dienste umverteilt, weil die Station unterbesetzt und schon wieder ein Kollege krank ist. Und dann wartet da noch die Mutter mit ihrem Sohn Oliver, der heute seinen 18. Geburtstag feiern will und seit gestern furchtbare Kopfschmerzen hat. Alexandra untersucht ihn routiniert, macht die erforderlichen Tests und kann keine Auffälligkeit feststellen. „Lasst uns ein MRT machen“, schlägt eine jüngere Kollegin vor, doch Alexandra lehnt ab: „Ich kann nicht bei jedem Kopfschmerz ein MRT machen.“ Minuten später passiert es: Oliver kollabiert aufgrund eines Hirninfarkts, der Neurochirurg weigert sich zu operieren wegen der Komplexität und Risiken, Oliver wird ins künstliche Koma versetzt. Es folgen dramatische Stunden. Die Mutter kämpft um ihren Sohn, drängt die Ärzte zum Handeln. Gleichzeitig brechen im Team Hierarchien und gegenseitige Vorwürfe auf. Wer trägt die Verantwortung für die vermeintliche Fehldiagnose? Die Ärztin? Das System? Soll man, muss man Angehörigen der Patienten schonungslos die Wahrheit sagen? Oder einen Funken Hoffnung lassen, auch wenn die Erfahrung als Mediziner dagegenspricht? Der Film wirft komplexe ethisch-moralische Fragen auf, ohne einfache Antworten zu geben. Das ist seine besondere Qualität.
Klaus Peter Karger


