Die Kunst von Nessi Nezilla, einer jungen Künstlerin mit norditalienischen Vorfahren, ist in ihren Formaten eindrucksvoll und immerzu gesellschaftlich engagiert. Im Gespräch mit NUSSBAUM.de spricht sie über ihre Ideen, die Konzeption und ihre Motivation hinter ihren Werken.
NUSSBAUM.de: Nessi Nezilla, Sie haben die Wanderausstellung Kunst gegen Missbrauch mitinitiiert, was hat Sie ursprünglich dazu bewegt?
Nessi Nezilla: Angefangen hat das Projekt 2022, da habe ich mit der Kunstinstallation mit den Schnullerkreuzen angefangen, weil ich mich gefragt habe, wie man das Thema in die Gesellschaft tragen kann. Alleine ist man nicht laut, aber wenn viele Leute mitmachen, ist man lauter. Der Anstoß, das Kunstwerk zu machen, kam damals aus der Berichterstattung, vor allen Dingen in den Nachrichten, durch die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.
Und das hat mich dazu bewegt, mich überhaupt mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dann wurde auch schnell klar, diese krassen Zahlen gibt es nicht nur in der Kirche, sondern auch in anderen Institutionen, in Sportvereinen und so weiter, aber vor allen Dingen auch innerhalb der Familie - und somit wurde das Projekt immer wichtiger. Aus der partizipativen Kunstinstallation wurde eine Ausstellung mit anderen Künstlern.
Wen wollen Sie und Ihre Künstlerkollegen damit erreichen?
Nezilla: Alle. Wir müssen alle darüber reden. Das Thema ist so unsichtbar in unserer Gesellschaft, es wird so wenig darüber gesprochen und wir müssen einfach anfangen, darüber zu reden.
Warum ist Schule der richtige Ort für die Ausstellung?
Nezilla: Wir wissen, dass in Schulen sehr viel Missbrauch passiert. Nicht nur wegen der Machtverhältnisse Lehrer-Schüler, sondern auch innerhalb der Schüler, auch in den sozialen Medien. Das heißt, wir können schon junge Leute für die Thematik sensibilisieren.
Sie hatten vor Kurzem eine Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim zum Thema Fake News. Teil der Ausstellung war eine eindrucksvolle Installation mit tausenden kleinen Ameisen, die zu ihrer Königin schauen. Wie kam es zu dieser Idee und wie anspruchsvoll war die Umsetzung?
Nezilla: Im Prinzip ging es darum, was Falschmeldungen mit uns machen. Das war eine sehr lange Auseinandersetzung. Da habe ich lange daran gearbeitet und habe etwas gesucht, um ganz klar und deutlich zu zeigen, wie gefährlich eine Falschmeldung sein kann. Und wie wir auch Teil einer Falschmeldung sind, wie wir selbst eine Falschmeldung werden können. Eine Falschmeldung ist eigentlich nichts anderes als eine Waffe. Wir sehen es, wie Putin Falschmeldungen einsetzt. Wir sehen es in anderen Konflikten. Wir sehen es bei Trump. Wir sehen es bei politischen Parteien, wie Falschmeldungen eingesetzt werden. Deswegen die Patronen auf dem Rücken einer Ameisenarmee. Es sind so viele Falschmeldungen, dass sie uns überfluten wie ein Tsunami.
Ihre Kunst ist gesellschaftlich engagiert, wenn ich das so sagen darf. Was versprechen Sie sich von diesem Engagement und durch Ihre Kunst?
Nezilla: Ich sehe als meine Aufgabe als Künstlerin, den Finger in die Wunde zu stecken, Themen sichtbar zu machen. Ich sehe das als Mission.
Sie nutzen wie bei den Paperbombs den öffentlichen Raum für Ihre Kunst. Welche Bedeutung hat der öffentliche Raum?
Nezilla: Bei den Paperbombs ist es ausschlaggebend. Ohne den kriegshistorischen Kontext funktionieren sie nicht. Es war auch von Anfang an klar, dass ich die Skulptur an einem kriegshistorischen Ort ausstellen möchte. Dass das gelingt und auch so gut funktioniert, hätte ich natürlich nicht gedacht.
Wie ist die Paperbomb entstanden?
Nezilla: Da habe ich mir viele Fragen gestellt und für mich war eigentlich die ursprüngliche Frage: Was ist das Schlimmste, was mir passieren kann, was will ich auf jeden Fall nicht erleben. Und da bin ich ganz schnell auf die Thematik Krieg gekommen: die historischen Kriege, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, aber auch noch viel ältere Kriege.
Dann kam ich irgendwann auf die Geschichte von Sadako Sasaki, die den Atombombenabwurf in Hiroshima überlebt hat, aber dann leider an den Folgen der Strahlung verstorben ist. In Japan gibt es die Legende, wenn du 1000 Kraniche aus Papier faltest, hast du einen Wunsch bei den Göttern frei. Sie hat 1600 Kraniche gefaltet, ist aber dennoch gestorben. Der Wunsch zu überleben hat mich wahnsinnig berührt. Heute ist der Kranich wirklich ein Friedenssymbol geworden. Ich habe mich gefragt, wie fragil Frieden ist. Und deswegen war die Idee erstmal ganz platt: Ich falte eine Atombombe in Origami. Ich fand es ganz spannend und bin der Idee gefolgt.
Mit welchen Materialien arbeiten Sie und wie kommen Sie an die Materialien?
Nezilla: Eigentlich bin ich für alles offen. Es kommt immer darauf an, was ich aussagen will. Bei den Patronenameisen zum Beispiel habe ich 3D-Druck gewählt. Zuerst habe ich tatsächlich angefangen mit echten Patronen zu arbeiten, habe auch unterschiedliche Größen gesammelt und es wurden immer mehr. Nun sind Falschmeldungen in unserer Zeit aber meist digital? Wie bekomme ich also das Digitale in den analogen Raum? Und dann war klar, 3D-Druck. Die Paperbomb ist Aluminiumguss. Ich wollte etwas machen, was beständig ist und irritiert. Denn von Weitem sieht das Ganze aus wie Papier. Ich habe nach etwas gesucht, mit dem ich diese Leichtigkeit hinbekomme und Aluminium ist ja schon mal viel leichter als Bronze, was sich auch gut lackieren lässt.
Wie lange dauert es von der Idee bis zur Konzeption?
Nezilla: Es ist unterschiedlich. Manchmal ist die Idee sofort da, aber gerade im Bereich Installation und Skulpturen ist der Prozess doch sehr langwierig, weil alles passen muss. Man kann eine Skulptur danach nicht nochmal ändern, das ist zu teuer. Man muss wissen, was man will. Und da nehme ich mir auch die Zeit, um so viel wie möglich auszuprobieren.