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Lachoudisch auch in Hochberg?

Schopfloch in Mittelfranken kennt eine Zweitsprache am Ort, das Lachoudische (von hebräisch „Leshon Hakodesh“ = Heilige Sprache). Bis 1938 gab...
Buchdeckel des Jiddischen Wörterbuchs im Dudenverlag
Foto: Dudenverlag Berlin

Schopfloch in Mittelfranken kennt eine Zweitsprache am Ort, das Lachoudische (von hebräisch „Leshon Hakodesh“ = Heilige Sprache). Bis 1938 gab es eine jüdische Gemeinde am Ort. Die jüdischen Viehhändler sprachen diese lokale Sprache, eine Mischung aus Hebräisch, Jiddisch, Rotwelsch und eigenen Wortschöpfungen. Juden und Christen trafen sich vor allem zum Kartenspiel in den Gaststätten am Ort und die Nicht-Juden lernten bald diese „Geheimsprache“, um beim Spiel nicht ausgetrickst zu werden. Nach 1945 wurde das Lachoudische am Ort von den Nicht-Juden weitergeführt und wird heute vor allem von der Fastnachtsgesellschaft in Schopfloch gepflegt. Um die 200 Begriffe aus dem Lachoudischen werden noch in der Dorfsprache verwendet, was sogar Sprachforscher nach Schopfloch führt. Der letzte Lachoudisch als Muttersprache sprechende ehemalige Schopflocher Jude starb 2015 in den USA. Auch in Eichstetten am Kaiserstuhl gibt es eine solche Sprachschöpfungen der ehemaligen jüdischen Gemeinde weiterführende Lokalsprache.
Eine Weiterführung des dörflichen jiddischen Dialekts wie in Schopfloch und Eichstetten hat es auch in Hochberg gegeben, wie eine Aufzeichnung aus dem Jahr 1991 zeigt, die sich jetzt in einem Hochberger Nachlass fand: Die Hochbergerin Alma Härdter (geb. 1923) berichtet darin auf drei mit einer Schreibmaschine verfassten Seiten, dass auch in Hochberg nach 1945 vor allem unter den Männern „jüdische Worte“ in Gebrauch waren. Besonders beim Kartenspiel und beim Fußball seien sie benutzt worden: „So konnten die anderen nicht unbedingt verstehen, was für das Spiel wichtig war“, berichtet Alma Härdter. Sie führt aus ihrer Erinnerung 33 Begriffe auf, die in Hochberg noch in den 50er bis 70er Jahren verwendet wurden. Viele stammen aus dem Jiddischen, so „Galach“ für Pfarrer oder „Katzuff“ für Metzger. Es gibt auch Wortwandlungen wie im Lachoudischen: So heißt Hintern auf Jiddisch „Tochess“. Daraus wurde im Lachoudischen „Dueches“ und in Hochberg sagte man für „Setz dich auf deinen Hintern“: „du dein Duches nore“. Besonders auffällig ist die Gemeinsamkeit von Lachoudisch und „Hochbergerisch“ beim Wort für Bürgermeister: „Schofet“ (Schopfloch), Schafes (Hochberg). Meist wird in jiddischen Dialekten für Bürgermeister das Wort „Rosh“ (Kopf) verwendet. „Schofet/Schafes“ meint eigentlich einen Richter. Die richterliche Gewalt der früheren Ortsvorsteher als Vertreter der Herren von Ansbach war wohl in Schopfloch der Hintergrund für die Wahl dieses Begriffes. Das deckt sich mit der Aufgabe des Stabamtsmannes als Vertreter des württembergischen Königs in Hochberg bis 1831. Aus Jiddisch „Beheme“ für Dienstmädchen wurde in Hochberg „Behemesle“, Jiddisch „Bosser“ für Fleisch wurde zu „Buser („der hot wieder a Bolle Buser gholt“). Bei „Maramne“ für „schöne, aber hinterhältige Frau“ muss man in Hochberg vermutlich tief in die jüdische Geschichte einsteigen: Mariamne (29 v. Chr. hingerichtet) war die Ehefrau Herodes des Großen und wird bei Flavius Josephus als schön, aber unergründlich und ausgesprochen gefährlich beschrieben. Man habe mit seinen „Geheimsprachenkenntnissen“ auch angegeben oder verschlüsselte Wertungen abgegeben, berichtet Alma Härdter: „Der Kui do hot au rechte Kufes“ (Der Bauer dort hat ziemliche Schulden). Mit dieser Aufzeichnung hat Alma Härdter etwas sehr Wertvolles bewahrt: Hochberg reiht sich nun in die wenigen Orte ein, die jiddische Lokaldialekte nach dem Ende der jüdischen Gemeinde noch mehrere Jahrzehnte weiterführten.


Kai Buschmann
Beth Shalom – Haus des Friedens. Verein für Erinnerungs- und Friedensarbeit in Remseck e.V., www.bethshalom-remseck.de, info@bethshalom-remseck.de

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Remseck Woche – Amtsblatt der Stadt Remseck am Neckar
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Ausgabe 06/2026
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