
Von der B36 kommend, eben noch mit 100 km/h unterwegs, rollt man mit 50–70 km/h Richtung Kreisel, alles ok – und dann plötzlich mit 30 durch die Leopoldstraße schleichen? Das nervt und fühlt sich falsch an. Genau diesen kurzen Moment des Unmuts braucht es aber, um nachdenken zu können, worüber sich gefühlt alle ärgern: die verschärften Lärmschutzrichtlinien, denen zufolge die Strecke vom Leopoldshafener Kreisel bis zur Schwarzwaldstraße 30er Zone wird.
Lärm ist tückisch: wohltönender Motorradsound für die einen, für andere schierer Stress – objektiv ist beides gesundheitsschädlich. Dauerhafter Verkehrslärm erhöht Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen und psychische Belastungen, auch dann, wenn man sich subjektiv „schon daran gewöhnt“ hat.
Warum schon ab dem Kreisel Tempo 30? Die heutigen Lärmschutzregeln betrachten nicht nur den direkten Schall, sondern auch Reflexionen an Hausfassaden; damit wird realistischer erfasst, was tatsächlich in den Wohnungen ankommt. So erklärt sich, warum auch der Abschnitt vom Leopoldshafener Kreisel bis zur Schwarzwaldstraße – Beginn der bereits existierenden 30er Zone – relevant ist, – auch wenn die Häuser für Autofahrende „weit weg“ wirken. Für die Ohren der Anwohnerinnen und Anwohner ist das nah genug, um Nacht für Nacht und Wochenende für Wochenende mitzuhören, auch wenn sie die Beeinträchtigung gar nicht zu spüren glauben.
32 Sekunden, die niemandem fehlen: Die Durchfahrt durch Leo wird künftig länger dauern – um mindestens 32 Sekunden. Spielt diese halbe Minute eine Rolle? Nein, nicht in der Leopoldstraße, denn die Verkehrssituation im Ortskern ist mehrfach prekär: parkende Autos, Kinder auf Fahrrädern, FußgängerInnen, Elterntaxis rund um Hort und Kindergarten – oft schafft man real nicht einmal die 30 km/h.
Was sich nach „Zeitverlust“ anhört, macht spürbar keinen Unterschied, senkt aber nachweislich die Lärmbelastung: Eine Reduktion von 50 auf 30 km/h verringert den Verkehrslärm im Schnitt um rund 2–3 dB(A), was in der Wahrnehmung einer Halbierung der Schallenergie entspricht.
Wenn 30 draufsteht, aber nicht drin ist: Wir hatten gehofft, dass die Einführung der 30er Zone vor 5 Jahren für die Anwohner der Leopoldstraße eine deutliche Entlastung insbesondere am Wochenende bringt. Rückmeldungen zeigen jedoch: Viele empfinden subjektiv „keine große Veränderung“, weil es schlicht viel zu viele Fahrzeuge sind – und weil sich ein Teil nicht an 30 hält. Die gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit von 32 km/h heißt: Da fahren einige deutlich schneller und lassen den Sound extra ertönen. Genau hier müssen Verwaltung und Gemeinderat zusammen mit den Betroffenen kreativ an ganz neuen Lösungen arbeiten. Wir Grüne sind dabei.
Mehr als Schikane: ein Schritt zu mehr Lebensqualität: Tempo 30 ist eine Antwort auf bewiesene Gesundheitsrisiken und entschärft auch andere Gefahrenquellen. Musste man früher an unübersichtlichen Stellen wie z. B. an der evangelischen Kirche auf Verdacht rüberrennen, so kann man heute sicher sein, dass man die Überquerung noch schafft, wenn man das herannahende Auto bemerkt. Diese Entschleunigung wird nach der neuen Regelung auch all die Kinder und Erwachsenen besser schützen, die auf der Strecke zwischen der Schwarzwaldstraße und der Kreuzung mit der Landstraße bzw. S-Bahn zwischen Kindergärten, Hort, Schule, Sport- und Spielanlagen oder auf dem Weg zur oder von der S-Bahn in die Leopoldstraße queren und sich nicht an Überwege halten.
Wir Grüne wollen uns alle vor vermeidbarem Lärm schützen. Damit sind wir auf dem richtigen Weg, den bereits der deutsche Nobelpreisträger Robert Koch im vorletzten Jahrhundert erkannt hat: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen, wie die Cholera und die Pest.“
Ute Wiegel


